von unserem Redaktionsmitglied 
Matthias einwag

Lichtenfels — Was wäre wenn ... ? Katastrophenschützer dürfen sich nicht darauf verlassen, dass im Ernstfall schon alles irgendwie funktionieret und dass ein Unglücksfall ohnehin eine unvorhersehbare Eigeninitiative entwickeln wird, die sowieso nicht planbar ist. Wer im Katastrophenschutz tätig ist, muss vorbereitet sein, muss möglichst viele denkbare Faktoren im Blick haben. Genau das ist das Ziel des Arbeitskreises Katas trophenschutz.
In dieser Woche traf sich der Arbeitskreis, der aus Mitarbeitern des Landratsamts und der Integrierten Leitstelle (ILS) sowie Führungskräften der Feuerwehr, der Rettungsdienste, der Polizei, des THW und der Bundeswehr besteht, in der Reundorfer Maintalhalle. Kreisbrandinspektor Ottmar Jahn hatte zusammen mit leitenden Angestellten der Seubelsdorfer Firma Rießner-Gase ein Szenario ausgearbeitet, das zahlreiche Faktoren berücksichtigt. Über die Auswertung der Risiko-Analyse sagte KBI Jahn: "Ob es so eintreten würde, ist in Frage gestellt. Es gäbe die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit ist aber gering."
Mit Blick auf den Katastrophenfall 2012 bei der Firma Metob, bei dem die Einsatzkräfte größtenteils auf sich allein gestellt waren, lobte Kristin Greifzu, die im Landratsamt für öffentliche Sicherheit und Ordnung zuständig ist: "Die Firma Rießner-Gase ist in Sachen Störfallverordnung bestens aufgestellt."
Beim Szenario, das in Reundorf vom Arbeitskreis Katastrophenschutz bearbeitet wurde, ging es um eine Gasexplosion: Der Fahrer eines mit Propangasflaschen befüllten Lastwagens erleidet am Spätnachmittag eines Novembertags einen Schwächeanfall. Der Lkw gerät auf dem Rießner-Gelände in Brand. Seitens der Firma wird ein Notruf an die Integrierte Leitstelle (ILS) abgesetzt. Die Leitstelle löst zwei Minuten später Alarm für einen Brandchemie-Unfall aus. Die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst sind kurz darauf am Brandort. Doch die Feuerwehren können nicht verhindern, dass die Ladung des Tankwagens detoniert.
15 Minuten nach der Alarmierung schießt ein Feuerball 150 Meter in die Höhe, die Trümmer des Tankwagens fliegen bis zu 200 Meter weit. Die Druckwelle zerstört im größeren Umkreis Wände und feste Infrastruktur einrichtungen. Durch die Detonation kommt es zu Unfällen auf der nahen A 73 und der B 173. Ein Regionalzug, der Trümmerstücke auf dem Gleiskörper auffährt, entgleist.

Koordination der Rettungskräfte

Im Zuge der Übung teilte Klaus Langer, der im Landratsamt den Katastrophenschutz koordiniert, das Szenario und die Arbeit der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) sowie der Örtlichen Einsatzleiter (ÖEL) in zwei Phasen ein: In Phase 1 ging es darum, wie sich die Einsatzkräfte zur Zeit der Alarmierung positionieren. In Phase 2 wurde die Situation nach der verheerenden Explosion aufgegriffen: Haben die Einsatzkräfte, die schon vor Ort waren, das alles überstanden?
An der Karte orientierten sich die Führungskräfte nun, wie groß die potenziellen Zerstörung ist. Der Landrat ruft daraufhin den Katastrophenfall aus, so dass auch Einsatzkräfte aus benachbarten Kreisen und Bezirken sowie des Bundes zu Hilfe gerufen werden können.
Die Fortschreibung des Szenarios kurz skizziert: Rund um den Unglücksort herrscht Chaos. Von außen nach innen arbeiten sich die nun hinzu kommenden Einsatzkräfte zum Zentrum der Explosion vor. Verletzte werden geborgen, Sammelstellen für Verwundete und für geflüchtete Anwohner werden eingerichtet. Die Polizei ist unter anderem damit beschäftigt, die Autobahn zu sperren. Bei der Firma Veenendahl richtet die Einsatzleitung ein Lagezentrum ein. Bei der Übung in Reundorf kamen seitens der Führungskräfte zahlreiche Details zur Sprache: Wer kümmert sich um die 120 Fahrgäste des Regionalzugs? In welche Krankenhäuser der Region werden die Schwerverletzten gebracht? Binnen zwei Stunden gilt es, 75 Schwerverletzte zu versorgen und abzutransportieren. Wo werden Zelte für die Obdachlosen und die verstört umherirrenden Menschen aufgebaut? Und welcher Notfallseelsorger kümmert sich um die Betreuung traumatisierter Einsatzkräfte?

Fazit der Übung gezogen

Als die Übung nach fast drei Stunden beendet wurde, waren viele Fragen geklärt. Vieles blieb dennoch im Ungewissen, denn eine solche Katastrophe lässt sich nicht bis ins Detail planen. Klaus Langer gab den Führungskräften der Rettungsorganisationen deshalb als Hausaufgabe mit, bis zur nächsten Zusammenkunft des Arbeitskreises zu umreißen, wo sie Probleme sehen und wie diese behoben werden könnten.