Wo man auch geht und steht - ständig wird man an das Jahr 1968 erinnert! Bei mir war's auch so - aber hier ging es nicht um politische und sexuelle Befreiung, sondern wieder mal um die Familie, oder - vielleicht doch net?
Auf einer Osterfahrt nach Südtirol vor zwei Wochen wurden im Raum München für mich plötzlich die dortigen Ortsnamen lebendig. Unser Ausgangspunkt im Sommer 1968 war Haar gewesen, das Nervenkrankenhaus. Hier war meine Schwägerin Ärztin und sie hatte eine große Wohnung in einem Hochhaus. Darin konnten wir - Eltern und vier Kinder zwischen vier und 16 - leicht unterkommen.


Kunst oder See

Jedn Früh hob i an Haufn belechtä Brote gericht und a Massn Tee gäkocht - als Proviant für den Tag. Und donn sän mä mitn Opel Rekord - gebraucht, obä gäräumig - losgfohrn und hom gleich oogfangt, zä singa.
Darin waren wir uns einig, aber dann gingen die Meinungen auseinander: Die Eltern wollten mehr Kunst genießen: die Schlösser, Klöster und Kirchen des Voralpenlands -, während die Kinder so schnell wie möglich in den verschiedenen Seen baden wollten "Nä longsom" , so der Vater, "etz is nuch zä kold, gebadt werd örscht om Nochmittag!"
"Aschheim" las der zehnjährige Uli das Ortsschild und grinste spitzbübisch: "Wie gut ist es doch in der deutschen Sprache", setzte er an, ganz in der Art und Sprache seines Klasslehrers, der schon kurz vor der Pensionierung stand, "dass es manchmal in Ortsnamen kein ,r' gibt! Als Beispiel nenne ich hier "Aschheim!"
Bald darauf fuhren wir durch "Oberschleißheim" und schon ließ er sich wieder hören: "Dagegen ist es von Vorteil, dass hier ein "l" an der richtigen Stelle erscheint, wie bei ,Oberschleißheim!' Für Unterschleißheim gilt es natürlich ebenso!" Bei dem anschließenden Gelächter machte auch die vierjährige Susi mit, obwohl sie die Anspielung nicht verstanden hatte. Obä, ka Sorch! Ihr Bruder hat sie schnell flüsternd aufgeklärt.


Ein Versprecher

Nach den "Wortverdrehungen" sän die "Versprecher" aa nimmä weit! Ungefähr 20 Jahre später studierte die Susi in München. Eines Sonntags is sie dort nei die Michaelskerng ganga. Der Gottesdienst stand unter dem Motto "Versöhnung mit Polen", das kam auch in der Predigt des Jesuitenpaters und in den Fürbitten zum Ausdruck. Die Messe selbst wurde sogar von einem polnischen Priester gehalten, der recht gut Deutsch sprach.
Aber beim Friedensgruß sagte er: "Gäbt einander ein Zeichen der ,Värsuchung!' Da war die Susi auf einmal hell wach: "Muss des net ,Versöhnung' heißn?"
Aber was war eigentlich ein Zeichen der Versuchung? Kuss oder Umarmung? Weit und breit woä ka saubärer jungä Moo zä sähng! Und ihr Banknachbar? Ein schwergewichtiger, kahlköpfiger Herr mit klapperndem Gebiss - da wollte sich bei ihr die "Versuchung" doch nicht so recht einstellen!