Wer an der Nordseeküste wohnt, soll sich künftig auch bei der AOK Bayern versichern können. Umgekehrt gilt: Wer in Coburg, Kronach oder Lichtenfels wohnt, könnte sich bei der AOK in Niedersachsen versichern. Dies sehen die Pläne von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor, der die regionalen Kassen bundesweit öffnen will.

"Das klingt zunächst gut, birgt jedoch einige Fallstricke", sagen die Beiratsvorsitzenden der AOK-Direktion Coburg Patrick Püttner (oberfränkischer Geschäftsführer der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeber bayme vbm) und Jürgen Apfel (1. Bevollmächtigter der IG Metall Coburg) laut einer Pressemitteilung der AOK. Denn die regionalen Kassen würden in einen unsinnigen Preiswettbewerb gezwungen. Vor allem junge und gesunde Versicherte werden unterschiedliche Beitragssätze nutzen, um zu wechseln. Die Folge: "Der Krankenkasse fehlt in ihrem Kerngebiet das Geld für die Gestaltung einer guten und passgenauen Versorgung", so die beiden AOK-Beiräte. Die Kranken hätten das Nachsehen. Und auch der wirtschaftliche Druck auf Fusionen erhöht sich. Am Ende werde es weniger Kassen und weniger Wettbewerb geben. Für Patrick Püttner und Jürgen Apfel ist klar: "Die AOK ist eine regionale Kasse und das muss sie auch bleiben."

Offensichtlich steht die AOK nicht allein. "Wir sind mit unserer Sorge in guter Gesellschaft, denn auch die bayerische Staatsregierung lehnt die Pläne von Spahn vehement ab", betonen Püttner und Apfel. Statt eines unsolidarischen Preiswettbewerbs sei ein Wettbewerb um die beste Gesundheitsversorgung gefragt. Jetzt sorge die AOK Bayern durch ihre starke Verankerung vor Ort gemeinsam mit den bayerischen Ärzten, Kliniken und Gesundheitsberufen für eine gute regionale Gesund-heitsversorgung.

"Um dies zu erhalten und regional noch passgenauer werden zu können, brauchen wir mehr vertragliche Spielräume und nicht Gleichmacherei", sagt der Coburger AOK-Direktor Christian Grebner, der Verantwortung für 170 Mitarbeiter und 110 000 Versicherte trägt. Nur so könne die Gesundheitsversorgung vor Ort dauerhaft gesichert werden, gerade in einem Flächenland wie Bayern. Die Verhandlungen für den Bereich Heilmittel - darunter fällt zum Beispiel Krankengymnastik - habe Spahn bereits völlig zentralisiert. Die Musik spiele jetzt in Berlin. "Die bayerischen Gestaltungsmöglichkeiten sind auf ein Minimum reduziert", ärgert sich der Coburger AOK-Chef.

Wenn es um negative Auswirkungen der Pläne des Gesundheitsministers geht, verweisen Püttner und Apfel auf bundesweit tätige Krankenkassen. Gerade in den ländlichen Regionen Bayerns haben diese in den letzten Jahren immer mehr Geschäftsstellen geschlossen mit entsprechenden Folgen für die Arbeitsplätze. Versicherte und Patienten, die eine wohnortnahe Beratung und Betreuung brauchen, haben keinen Ansprechpartner mehr vor Ort.

Die Vertreter der Beitragszahler in den Verwaltungsräten der Krankenkassen sind offensichtlich nicht gefragt worden vom Gesundheitsminister. Für Püttner und Apfel zeigt dies, dass Spahn die gesetzlich verankerte Selbstverwaltung der Krankenversicherung nicht ernst nimmt. red