Haben ein Onkel (34) und sein Neffe (21) im Sommer letzten Jahres einen 32-jährigen Äthiopier auf offener Straße verprügelt? Oder haben sich die beiden gegen den Angriff des ebenfalls betrunkenen Mannes nur gewehrt? Mit dieser Frage befasst sich das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Bamberg. Da der Ostafrikaner nach Ablehnung seines Asylantrages untergetaucht ist, gestaltete sich die Beweisaufnahme am ersten Verhandlungstag schwierig.

Sonst wacht Wilfried K. (Name geändert) nur einmal in der Nacht auf. Gegen 2 Uhr morgens liest der Rentner dann etwas und legt sich wieder schlafen. Am 7. Juli 2018 wird der ehemalige Lehrer aber noch einmal wach. Kurz nach 4 Uhr früh hört er lautes Geschrei und eilt zum Fenster. Ob da wieder irgendwelche Besoffenen nach einem Discobesuch die Autospiegel abtreten, versuchen, einen der Wagen zu klauen oder sich miteinander prügeln? All das hat Wilfried K. schon erlebt.

"Es war sehr, sehr brutal"

Häufiger hat der Bamberger die Polizei angerufen. Nur so schlimm war es noch nicht. "Es war sehr, sehr brutal. Ich habe befürchtet, dass einer schwer verletzt oder tot liegen bleibt." Als er aus dem ersten Stock auf die Straße blickt, erkennt er mehrere Personen, die auf dem Boden miteinander ringen. Schon da gibt es Schläge ins Gesicht. Nach einigen Sekunden wird ihm klar, dass da zwei Männer vor seiner Haustür einen dritten in die Mangel nehmen. "Einer hat ihn festgehalten, der andere hat ausgeholt und immer wieder zugetreten. Der unten hat sich in keinster Weise gewehrt." Dabei habe einer der beiden Angreifer geschrien "Hältst du jetzt die Fresse!?"

Die von Wilfried K. alarmierte Polizeistreife stellt die beiden Täter und die Freundin des jüngeren mitten auf der Marienbrücke. Deren Version der Geschichte klingt ganz anders. Der ältere Angeklagte habe den Äthiopier zufällig in der Sandstraße kennengelernt. "Er war mir sehr sympathisch." Gemeinsam seien sie einen trinken gegangen. Wobei aus dem einen gleich mehrere wurden. "Wir waren beide ziemlich betrunken." Was ein medizinisches Gutachten mit fast 1,5 Promille bestätigte. Gezahlt habe er, auch eine Pizza am Zentralen Omnibus-Bahnhof.

Blut an den Schuhen

Als man auf dem Nachhauseweg gewesen sei, habe er zufällig seinen Neffen und dessen Freundin getroffen. Der habe ihm dann geholfen, als der Äthiopier plötzlich von hinten auf seinen Onkel losgegangen sei und ihn geschlagen habe. "Ich habe das überhaupt nicht verstanden." Um dem Schwitzkasten zu entkommen, habe der ältere Angeklagte den Afrikaner "stockvoll in den Finger gebissen und ihm zweimal ins Gesicht geschlagen". Der Äthiopier sei ein Riesenkerl gewesen. "Was sollte ich denn machen?

Das Blut an beider Schuhen erklärten Onkel und Neffe damit, dass dieses nicht von Tritten stammte, sondern davon, dass das Blut des Äthiopiers bei der Rangelei heruntergetropft sei.

Dabei sind die beiden Angeklagten für Polizei und Justiz keine Unbekannten. Der Onkel hatte bereits mit dem Vorsitzenden Richter Martin Waschner zu tun, als dieser vor 19 Jahren noch Staatsanwalt in Bamberg war. Damals begann eine kriminelle Karriere, die vom Fahren ohne Fahrerlaubnis, fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und Unfallflucht über Sachbeschädigung bis hin zu Erwerb, Besitz und Handel mit Drogen und gefährlicher Körperverletzung führte. Zuletzt verhängte das Landgericht Bamberg 2016 zwei Jahre und acht Monate.

Allerdings scheint sich der Onkel inzwischen neu erfunden zu haben, wie seine Bewährungshelferin konstatierte. Kein Rauschgift mehr, eine geregelte Arbeit, Abkehr vom Milieu.

Dauergast vor Gericht

Deutlich schlimmer trieb es der Neffe. Der ist mit vier vorsätzlichen und drei gefährlichen Körperverletzungen, erpresserischen Menschenraubes, versuchter räuberischer Erpressung und Drogenhandel im größeren Stil seit sieben Jahren Dauergast im Gerichtssaal und bekam zuletzt sechs Jahre und vier Monate aufgebrummt.

In einige Schwierigkeiten kommt das Verfahren allerdings, als der Äthiopier, der mit einer Kopfplatzwunde, einer Schädelprellung und einem stumpfen Bauchtrauma ins Klinikum am Bruderwald eingeliefert worden war, nicht als Zeuge erscheint. Wie das Ausländeramt der Stadt Bamberg mitteilt, ist er seit dem abgelehnten Asylantrag im Mai 2019 "untergetaucht".

Ob er tatsächlich mit seiner Familie nach Frankreich ausgereist ist, wie es Nachbarn in der Gemeinschaftsunterkunft in Bamberg angeben, das wird sich am 4. September 2019 zeigen. Dann soll der Äthiopier noch einmal geladen werden. Wenn er nicht gefunden werden kann, wird seine Aussage bei der Polizei vorgelesen werden.