Wie ein kleines Wunder erschien es den Herzogenaurachern, als vor 70 Jahren, am 6. Oktober 1947, zwei Glocken der Stadtpfarrkirche von Herzogenaurach wieder auf den Turm zurückkehrten. Bis dahin hatten sie eine mehrjährige Odyssee hinter sich gebracht. Denn während des Zweiten Weltkrieges wurden viele Kirchenglocken aus den Kirchtürmen geholt, um die Glockenbronze für Geschosshülsen zu verwenden. Nicht alle kehrten wieder zurück.
Auch die Glocken der Herzogenauracher Stadtpfarrkirche mussten im zweiten Weltkrieg abgeben werden. Der Meldebogen an die staatlichen Behörden musste bis zum 5. Mai 1940 abgegeben werden. Demnach verfügte die Stadtpfarrkirche über vier Glocken.
Die Große Feuerglocke, gegossen 1651 in "Vorcheim", erblickte also in der Gießhütte in Forchheim das Licht der Welt. Sie hat ein Gewicht von rund 1056 kg. Seit 1651 verkündet sie, mit einer Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg, vom Kirchturm der Stadtpfarrkirche St. Maria Magdalena den Gläubigen Freud und Leid und ruft zu Gebetszeiten.
An der einen Flanke befindet sich das Relief des Heiligen Laurentius, gegenüber die Muttergottes im Strahlenkranz, darunter die Jahreszahl 1651. Die Mittags-Glocke (Sturm- oder Feuerglocke) ist im Ton a gestimmt. Aufgrund des Bildes des Heiligen Laurentius könnte die Glocke im August 1651 gegossen worden sein, der Laurenzitag ist am 10. August.
Die kleinere, ältere Marienglocke trägt die Aufschrift M°CCCC°XXV°. Sie entstand also im Jahr 1425 und hat ein Gewicht von 605 kg. Die 12-Uhr-Glocke hat die Tonlage gis. Die Inschrift lautet: S. Johannes, S. Matheus, S. Lucas, S. Marcus Ulricus Me Fecit Magister Fusorum Ave Anno Domini M° CCCC° XXV°.
Die Meßglocke aus dem Jahr 1823 mit der Tonlage a und 500 kg Gewicht ging beim Herabwerfen vom Turm in Trümmer. Die Wandlungsglocke, gegossen bei Schneider Nürnberg im Jahr 1481, wog 170 kg und hatte die Tonlage dis.


Wurf aus dem Fenster

Das letzte Mal läuteten die Glocken in Herzogenaurach am 25. Januar 1943, danach wurden sie durch das westliche Schallfenster auf den Kirchenplatz hinuntergeworfen. Obwohl man die Pflastersteine entfernt und Sand aufgeschüttet hatte, zerschellte die Messglocke in viele Einzelstücke.
Die Glocken wurden auf den sogenannten Glockenfriedhof nach Hamburg gebracht, von wo aus sie nach und nach in die Schmelzöfen wandern sollten. Bei Kriegsende war ihr Schicksal ungeklärt.
Landrat Valentin Fröhlich sandte am 12. Juli 1946 an die Pfarreien des Landkreises Höchstadt einen Aufruf des Beauftragten für die Rückführung der Kirchenglocken des Landes Bayern an die Gemeinden. Die Verantwortlichen vor Ort sollten mit Informationen über die abgenommenen Glocken die Arbeit unterstützen.
Stadtpfarrer Leonhard Ritter sandte am 31. Juli 1946 die ihm bekannten Daten der Glocken an den Beauftragten in der Hoffnung, dass sie noch nicht in den Schmelzofen gewandert waren. Am 14. November 1946 erhielt die Herzogenauracher Stadtpfarrei vom Erzbischöflichen Ordinariat in Bamberg die Mitteilung, dass aufgrund der Beschreibung zwei der Glocken in Hamburg gefunden werden konnte.
Allerdings gestaltete sich die Rückführung nicht einfach. Erst am 17. Juni 1947 konnte durch Kaufmann Rudolf Welzel und Bürgermeister Hans Maier mit einem Lastwagen der Brauerei Hubmann, den Josef Körner steuerte, die kleinere Glocke aus dem Mainhafen in Würzburg mit dem Lastwagen nach Herzogenaurach gebracht werden, am 10. Juli 1947 gelangte die größere Glocke auf dem gleichen Weg in ihre Heimat zurück. Sowohl Welzel als auch Maier hatten zuvor die Glocken in Hamburg auf ein Schiff verladen, von dort aus waren sie auf dem Wasserweg zum Mainhafen in Würzburg gelangt.


Zunächst ohne Klöppel

Am Sonntag, 5. Oktober 1947, wurden sie in feierlichem Zug auf festlich geschmückten Wagen zur Kirche geleitet, wo sie mit einem Grußwort von den Schulkindern empfangen wurden. Pfarrer Leonhard Ritter ließ ihre Geschichte Revue passieren, der Kirchenchor sorgte mit der musikalischen Umrahmung für eine feierliche Stimmung. Am Tag darauf wurden die Glocken in die Turmstube hinaufgezogen. Allerdings fehlten noch Klöppel, so dass die Bewohner auf den vertrauten Klang ihrer Glocken noch eine ganze Zeit lang verzichten mussten.
Die Klöppel mussten als Maßanfertigung von der Firma MAN in Nürnberg mit Hilfe eines großen Schmiedehammers eigens angefertigt werden, wie der Briefverkehr vom Dezember 1947 erkennen lässt. Zahlreiche Kirchengemeinden benötigten für ihre rückgeführten Glocken neue Klöppel, dadurch hatte sich ein Auftragsstau ergeben. Erst im März 1948 konnten die Glockenklöppel abgeholt und in die Glocken eingehängt werden.
Eine Entschädigung für die zwei vermutlich eingeschmolzenen Glocken erhielt die Pfarrei nicht. Daher wurde zur Vervollständigung an zwei weitere Glocken gedacht. Diese wurden am 24. Juli 1949 geweiht.