Parlamentarische Demokratie oder Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte? Sowjetrepublik oder verfassungsgebende Versammlung? Für wenige Wochen schien nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung am Ende des Ersten Weltkriegs in Deutschland alles möglich. Und besonders üppig schossen die Träumereien in Bayern, genauer in München, ins Kraut: Denn hier übernahmen die Dichter die Macht, und ihre Fantasie kannte kaum Grenzen.

Kurt Eisner, gebürtiger Berliner, Theaterkritiker und Journalist, war es, der vor 100 Jahren, am 8. November 1918, den "Freistaat Bayern" proklamierte - als "erster Vorsitzender des Rates der Arbeiter, Soldaten und Bauern", der sich im Münchner Landtag gebildet hatte. Und "die Münchner Bohème mischte kräftig mit" - so Edmund Frey, der gemeinsam mit Brigitte Maisch, Leiterin der Stadtbücherei, in einem facettenreichen Bilderbogen die Ereignisse von damals wieder lebendig werden ließ. "1918: Der Traum von der ,freien Republik‘ - die Münchner Räterepublik und ihre Dichter" lautete der Titel der von "Demokratie leben!" geförderten Veranstaltung, zu der die Stadtbücherei Coburg, die Initiative Stadtmuseum sowie der Coburger Literaturkreis am vergangenen Dienstag eingeladen - und damit ganz offenbar einen Nerv getroffen hatten: Komplett gefüllt war das Foyer der Stadtbücherei, als Dagmar Weiß mit ihrem Akkordeon und Stephan Mertl, Schauspieler am Landestheater Coburg, unter der Moderation von Brigitte Maisch und Edmund Frey den Träumen, Hoffnungen, aber auch Ängsten von Protagonisten jener Tage - von Kurt Eisner über Erich Mühsam, Rainer Maria Rilke, Ernst Toller und vielen anderen - Ausdruck verliehen.

Gleich zu Beginn machte Dagmar Weiß den Zwiespalt deutlich, der seinerzeit die Gefühle von wohl sehr vielen Zeitgenossen prägte. Stephan Mertl lieh gleich einer ganzen Reihe von Akteuren seine Stimme: Er las die Proklamation des Freistaats Bayern ebenso wie Briefe von Rilke, Oskar Maria Graf oder auch eine sehr einfühlsame Beschreibung des anarchistischen und noch 1919 hingerichteten Schriftstellers Gustav Landauer von Victor Klemperer.

Es wurde bei der Veranstaltung deutlich, wie man damals dachte. Und es wurde klar, dass man der Zeit nicht gerecht wird, wenn man sie allein aus heutiger Sicht beurteilt. Im Nachhinein ist man klüger. Brigitte Maisch zum Beispiel stellte zu Recht die Frage, ob die Alliierten überhaupt eine Entwicklung Deutschlands zu einer Räterepublik sowjetischen Musters zugelassen hätten. "Wohl nein", meinte sie. Aber das mussten die "Träumer", wie Volker Weidermann in seinem gleichnamigen Buch die Dichter der Münchner Räterepublik nannte, ja damals noch nicht wissen. Fazit: eine Lektion in Geschichte vom Feinsten. Alois Schnitzer