Marian Hamacher

Nur eine hauchzarte Wolke hat sich in den hellblauen Himmel verirrt. Darunter schwappt das Meer in einem dunklen Türkis durch die Bucht und bricht mit seinen Wellen an einem Felsen, der derart orange-rötlich daherkommt, dass er sich auf dem Mars gleich heimisch fühlen dürfte. Urlaubsidylle pur. Perfekt fürs obligatorische Erinnerungsfoto.
Wenig überraschend also, dass sich auf dem Felsen im Vordergrund eine brünette Frau breit grinsend in Pose wirft. Deutlich überraschender: In der Hand hält sie - beide angespannten Arme nutzend - einen Fernseher. Genauer: den "Loewe CP42 sensotronic", wie eine knallig gelbe Schrift links von ihren Füßen verrät.


Schweres Gepäck

Mit dem vermeintlichen Urlaubsfoto wollte Loewe Opta 1974 auf seine neueste Idee hinweisen. Den ersten tragbaren Farbfernseher. Offenbar mit Erfolg. Denn gekauft wurde der wahlweise weiße oder schwarze Kasten mit den nun abgerundeten Ecken. Zahlreich. Doch ob ihn die Käufer tatsächlich auch mit auf Reisen nahmen? Vom Gewicht her konnte das Gerät einem gut gefüllten Koffer schließlich ordentlich Konkurrenz machen - was ein Jahr vor der Markteinführung auch Heinz Kraus feststellte.


Fehlerhafte Farbwiedergabe

Mit einem handgefertigten Prototyp machte sich der damals frisch ins Unternehmen eingestiegene 27-jährige Ingenieur auf den Weg ins etwa 50 Kilometer von Rom entfernte Agnani. Dem Stammsitz des Herstellers der verwendeten Bildröhre. "Als wir das neuentwickelte Chassis mit der ebenfalls gerade erst auf dem Markt gekommenen Bildröhre verbinden wollten, tauchten am Bildschirm Störungen in der Farbwiedergabe auf", erklärt Kraus. "Da musste der Hersteller die Röhre auf unser Gerät nun abstimmen."
Kein Problem für die italienischen Entwickler. Durchaus ein Problem hatte hingegen die italienische Polizei - mit Kraus' ungewöhnlichem Reisegegenstand. Ein Mann mit einem Fernseher in der Hand war den Carabinieri am Flughafen in Rom dann doch suspekt. "Die hatten mich erst argwöhnisch beäugt und dann in einen Sicherheitsraum mitgenommen", erinnert sich Kraus. "Eine Erklärung haben sie mir nicht genannt, aber ich denke, es waren Sicherheitsaspekte. Das fand ich auch völlig in Ordnung, denn die Sicherheitslage war damals ja schon etwas angespannt."
Zwar begannen die Planungen für ein neues Gerät gleich zu Beginn des neuen Jahrzehnts, doch der Zeitgeist spielte dabei ebenso wenig eine drängende Rolle wie die Geschäftsführung. "Eigentlich lag das vor allem daran, dass es auf einmal kleinere Farbbildröhren gab. Und jetzt war die Herausforderung, ein Chassis hinzubekommen, das für alle Gerätemodelle genutzt werden kann", sagt der inzwischen 71-jährige Theisenorter.


Aus Holz wurde Plastik

Einmal angefangen, durfte nun aber alles hinterfragt werden. Besonders das Aussehen. "Den nussbraunen Bomber wollten wir unbedingt abschaffen", sagt Kraus und lacht. Den etwas uncharmanten Namen bekamen intern jene seit der Nachkriegszeit produzierten Geräte verpasst, die sich lediglich in Nuancen der Holzmaserung unterschieden. Der Wunsch wurde wahr. Aus Holz wurde Plastik, aus braun wurde weiß - oder wahlweise schwarz. "Das Design war dann schon ziemlich futuristisch", meint Kraus. Vorangegangen waren zahlreiche Meetings zwischen Entwicklern, Konstrukteuren, Fertigungsleuten und Designern - auch wenn Letztere noch nicht so hießen. "Damals waren das noch Formgestalter."
Die grobe Richtung habe die Technik vorgegeben, Konstrukteure und Designer hätten dann einen Weg finden müssen Aussehen und Funktion unter einen Hut zu bringen. Unter anderem, wie die Temperatur im Innern des Gerätes so niedrig gehalten werden kann, dass die Sicherheitsnorm auch eingehalten wird. "Die Designer hätten da gerne nur einen einzigen Block an Lüftungsschlitzen auf die Oberseite gesetzt, aber das war einfach nicht ausreichend", sagt Kraus.
Die Folge: Letztlich mussten die Designer den Lüftungsschlitzen dreimal mehr Platz einräumen als geplant. Damit der Fernseher auch auf einem Felsen in einer Bucht nicht heiß lief. Vorausgesetzt natürlich, es gab dort Empfang...