Die Apokalypse des Dreißigjährigen Krieges breitete den Schatten des Todes über den Frankenwald. Während der Pest und der Belagerung durch die Schweden von 1626 bis 1634 riefen die Kronacher die Heiligen Sebastian und Rochus um ihre Fürsprache an und gelobten den Bau der Kreuzbergkapelle.

Versprengte Kriegerhorden streunten plündernd, brandschatzend und mordend durch das Halbdunkel des alten Nordwalds und raubten den Menschen jegliche Hoffnung. Auch die Schweden standen schon dreimal vor Kronach, um es zu unterjochen. Ihr Bemühen war vergeblich, und stolz konnten die Kronacher den abziehenden Feinden nachschauen.

Aber ein noch viel mächtigerer Feind kam jetzt über die Stadt: Die Pest, der "Schwarze Tod", hielt Einzug in die Stadt und jedes Haus zollte schrecklichen Tribut, ein einziges ausgenommen. 1100 Menschen - etwa die Hälfte der Einwohner - fielen der Seuche zum Opfer.

Mit einem letzten Versuch, dieser Hölle zu entkommen, wandten sich die Kronacher Bürger an ihren Gott und flehten um Beistand auf dem schier endlosen Leidensweg; zugleich riefen sie die Heiligen Sebastian und Rochus um ihre Fürsprache an. Man legte ein Gelübde ab zu Ehren des heiligen Kreuzes, das Zeichen der Erlösung, und der genannten Heiligen, nämlich eine Kapelle und ein Kreuz auf jener Anhöhe zu errichten, die den Namen Weinberg trägt.

Weinbau war verbreitet

Apropos Weinberg: In Notarien und Lehenbüchern werden mehrere Grundstücke als Wein-gärten oder als am Weinberg gelegen bezeichnet, namentlich am Kreuzberg gegen Höfles und Ruppen hinauf und bei den im Kronachtal aufwärts gelegenen Orten Friesen und Steinberg. Ein Zehend der Pfarrei hieß der Weinberg-Zehend.

Die Rebenkultur datiert etwa von der Mitte des 14. Jahrhunderts, denn das bischöfliche Saalbuch des fränkischen Waldes aus dem Jahr 1333 berichtet noch nichts von Weinbau, dagegen erwähnt eine Urkunde von 1412 "das holtz am weynberg". In Andreas Baiers Reimchronik von 1669 wird der Kronacher Wein hochgepriesen.

Genehmigen wir uns daher eine kleine Kostprobe: "Es kam bald der, bald jener Fürst; nach Kronacher Wein hat sie gedürst; sie wollten trinken in der Eil, die Bürger sprachen: Wart ein Weil!"

Doch eilends zurück zu den Heiligen Sebastian und Rochus und zum Gelübde der Kronacher Bürgerschaft, über das der Chronist anno domini 1884 berichtet: "Wer an Sebastiani und in den folgenden acht Tagen um die Mittagsstunde seine Blicke auf den Kreuzberg richtet, wird lebhaft an das Getriebe eines gestörten Ameisenhaufens erinnert. Plötzlich, wie mit einem Zauberschlage wird es lebendig an dem sonst von Menschen selten besuchten Berge; von überall streben die Christen aller Konfessionen nach einem Mittelpunkte hin, zum Südende des Plateaus, zur Kreuzbergkapelle. Namentlich die beiden Hauptzugangswege von der Stadt aus erinnern an jene großen Ameisenstraßen, wie sie fast zu jedem Haufen führen; sie bieten ein wallfahrtsähnliches Bild, denn in fast geschlossenen Reihen ziehen sie hinauf die Bürger Kronachs und Bewohner der umliegenden Ortschaften."

"Richtend ihre Augen zu den Höhen, von welchen Hilfe kommt", beschrieb das der Chronist und fährt fort: "Ich freue mich, da man mir sagte: Wir wollen hinaufziehen zum Hause des Herrn."

Weiter schreibt er: "Ja, man freut sich, man pilgert gern durch Schnee und Winterkälte auf eisigen Fuhrwegen und umsäuselt von recht frischen Lüften drei Viertelstunden zum Bergesgipfel."

Zu guter Letzt kommt der Verfasser ganz und gar ins Schwärmen: "Wer die Ursache nicht kennt, wird erstaunt ausrufen: Was ist doch das? Eine Wallfahrt im Winter? Eine originelle Idee! In der Tat, es ist eine originelle Idee, und diese winterliche Bergwanderung hinauf zur Kreuzbergkapelle wird nicht leicht Ihresgleichen finden. Zwar handelt es sich im eigentli-chen Sinne nicht um eine Wallfahrt; denn man zieht nicht von einem Sammelpunkte aus, und man ist lustig und guter Dinge. Das ist auch recht so! Die Religion soll fröhliche Menschen machen, wie auch das Evangelium nichts anderes bedeutet als "frohe Botschaft". Die Kronacher und die Menschen, die den Brauch der Sebastiani-Oktav heute noch pflegen, wissen aber auch um die Bedeutung dieser Botschaft: "In der Not lernt der Mensch beten."

In seinem Buch "Wegkreuze, Bildbäume, Gedächtnissteine" schreibt dazu Roland Graf: "Mit dieser schlichten Feststellung, aus der die Lebenserfahrung vieler Generationen spricht, zitiert sich ein Volk selbst. Wer denkt schon daran, ein Gelöbnis abzulegen, wenn es ihm gut geht. Man möchte fast annehmen, dass es ein Privileg der Not, der Hilflosigkeit und des Elends ist, den Menschen wieder an Gott zu erinnern."