Tränen hat Gabriele Oehrl in ihrer beruflichen Laufbahn viele trocknen müssen. Meist waren es ihre jungen Schützlinge in der Seßlacher Kindertagesstätte "Struwwelpeter", die ihres Trostes bedurften. Zuletzt jedoch rührte die Überraschungsparty, die Mitarbeiter, Eltern und Kinder vorbereitet hatten, die scheidende Leiterin so tief, dass plötzlich die Beinahe-Ruheständlerin mächtig "nah am Wasser gebaut" hatte. "Ich bin total platt", gestand Oehrl.
Nach 27 Jahren an der Spitze der städtischen Einrichtung geht die gebürtige Bad Colbergerin Ende Juli in den Ruhestand. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge: "Weil aus meinem Bekanntenkreis viele schon das Pensionsalter erreicht haben, freue ich mich zwar auf den Ruhestand, doch gehe ich auch schweren Herzens." Mit "Leib, Seele und viel Herzblut" habe sie die Aufgabe der Leitung wahrgenommen und werde bestimmt bis zur letzten Minute gern durch "ihren" Kindergarten laufen, berichtete Oehrl. "27 Jahren kann man nicht einfach so wegwischen!", fügte die 63-Jährige hinzu.
Ihr Ziel sei es immer gewesen, dass jedes Kind gern in den Kindergarten kommen und sich in der Einrichtung wohlfühlen solle. "Dann gehen auch die Eltern beruhigt auf die Arbeit", erläuterte die Erzieherin, "und wenn sich die Eltern wohlfühlen, geht es auch den Mitarbeitern gut." Sei das Team zufrieden, freue sich auch der Träger, das sei ein Kreislauf.
Für die neue Lebensetappe gaben die Kolleginnen der künftigen Pensionärin auf kleinen Zetteln viele gute Wünsche mit auf den Weg: Weniger Stress, mehr ausschlafen, in Ruhe frühstücken und Zeitung lesen, arbeiten ohne zu müssen, lauteten einige von ihnen. Am meisten gönnten sie Oehrl die freie Zeiteinteilung. Die gewonnenen Stunden und Tage könne sie etwa für ihren Mann Ulrich, ihre drei Kinder oder ihre Enkel, für ausgedehnte Spaziergänge mit ihrem Vierbeiner oder einfach mal zum Füße Hochlegen nutzen, riet das Team.
Rund 405 Kinder habe die Kindergarten-Fachwirtin in den 27 Jahren seither begleitet, hatte ihre Stellvertreterin Doris Autsch ausgerechnet. Auf viele Veränderungen musste sie sich einstellen: Als Beispiele zählte die Heilgersdorferin allein drei Anbauten, die Sanierung und die Umgestaltung vom Kindergarten zur Kindertagesstätte auf. "Es war eine gute Zeit mit Dir als Chefin", versicherte sie zum Schluss.
Nun bleiben Oehrl nur noch wenige Arbeitstage. Ihre Nachfolgerin Kerstin Thein hat die 63-Jährige bereits seit Anfang Juli eingearbeitet. Die Seßlacherin bringt als ehemalige Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte "Schneckenhaus" in Heilgersdorf und der Nachmittagsbetreuung der benachbarten Grund- und Mittelschule Seßlach Führungserfahrung mit. Die Abschiedsparty im Garten hatte Thein gemeinsam mit den Kolleginnen organisiert. Mit Briefen und der Bitte um Verschwiegenheit wurden die Eltern samt aller Kita-Kinder eingeladen. Selbst ehemalige Kolleginnen, die Reinigungskräfte und Oehrls Familie waren anwesend.
"Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", brachte die Noch-Leiterin mit Mühe heraus, mit einem solchen Aufgebot hätte sie nicht gerechnet. Mit etwas Abstand nahm Oehr den "überwältigenden Abschied als Zeichen der Wertschätzung" für ihre Person: "Ich konnte es gar nicht fassen, dass ich das bekomme", sagte sie. Wie Oehrls gesamtes Team freute sich die Kinderpflegerin über die gelungene Überraschung.