von unserer Mitarbeiterin 
Marion Krüger-Hundrup

Priesendorf — Es ist 8 Uhr morgens, ein fixer Zeitpunkt für die Pastoralreferentin Andrea Friedrich und Samira (Name geändert). Die Frauen planen am Küchentisch im Pfarrhaus von Priesendorf den Tag: Mahlzeiten, Deutschunterricht, Katechese sprich Einführung in das christliche Glaubensleben und Spielstunde mit Ministranten. "Es ist wichtig, dass Samira eine feste Tagesstruktur bekommt und stabilisiert wird", erklärt Andrea Friedrich. Die 30-jährige Iranerin befindet sich seit 9. November im Kirchenasyl, darf also aus Schutzgründen das Gelände rund um Pfarrhaus, Kirche und Pfarrzentrum nicht verlassen.


Zum Schutz der Menschen

Kirchenasyl gibt es seit 2000 Jahren, ein Gewohnheitsrecht zum Schutz von Menschen im christlichen Abendland. Kirchenasyl ist die zeitlich befristete Aufnahme von Flüchtlingen, denen die Asylgesetzgebung trotz drohender Gefahren in ihren Herkunftsländern Bleiberecht versagt. Oder für die mit einer Abschiebung nicht hinnehmbare soziale, inhumane Härten verbunden sind. Allein in diesem Jahr 2015 boten bisher 250 Kirchenasyle in Bayern fast 500 Menschen Zuflucht. Im Kreis Bamberg ist das Priesendorfer Kirchenasyl derzeit das einzige.
Dabei ist Samira kein Einzelfall im Gästezimmer des Pfarrhauses. Vor ihr fanden der 21-jährige Syrer Anas und der 28-jährige Iraner Saeed darin Herberge. Bevor Ortspfarrer Ewald Thoma (Dankenfeld) in den Ruhestand ging, öffnete er die Türen für die Schutzbedürftigen. Sein Nachfolger Dekan Alfred Müller führt die Tradition fort.


Keine staatlichen Zuwendungen

Er weiß, dass Pastoralreferentin Friedrich, die im Pfarrhaus wohnt und Hauptansprechpartnerin für die Kirchenflüchtlinge ist, engagierte Unterstützung durch Dutzende Ehrenamtliche erfährt. "Kirchenasyl kann nur funktionieren, wenn die Gremien, Pfarrgemeinderat und Kirchenverwaltung, letztendlich die gesamte Gemeinde dahinterstehen", betont Andrea Friedrich.
Doch sie mahnt mögliche Nachahmer, "nicht naiv an ein Kirchenasyl heranzugehen". Es brauche personelle, finanzielle und zeitliche Ressourcen. Denn ein Kirchenasylsuchender bekomme keinerlei staatliche Zuwendungen und sei auch nicht krankenversichert. Wer Kirchenasyl gewähre, müsse sofort die Behörden wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und das Landratsamt informieren: "Sonst gilt der Schutzbefohlene als untergetaucht und flüchtig", so Andrea Friedrich.
Die Pastoralreferentin steht in Kontakt mit einer sie beratenden Juristin des Katholischen Büros in München. Während des Kirchenasyls werden alle in Betracht zu ziehenden rechtlichen, sozialen und humanitären Gesichtspunkte geprüft. Auch in den Fällen von Anas und Saeed gelang es nachzuweisen, dass Entscheidungen von Behörden überprüfungsbedürftig sein können und aus humanitären Gründen ein Asylverfahren genehmigt werden sollte.


Schnell heimisch geworden

Die Priesendorfer Gemeinde konnte feststellen, wie schnell ihre Schützlinge den Lebensrhythmus in Deutschland lernten. "Beide Seiten haben einen Beitrag zu ihrer Integrationsfähigkeit geleistet", erklärt Andrea Friedrich. Saeed habe inzwischen sogar eine Wohnung und eine Arbeitsstelle in seinem gelernten Beruf als Schweißer in Aussicht. Allerdings mahlen auch hier die Mühlen der Behörden manchmal zu langsam. Denn Saeeds Antrag auf Umsiedlung in ein eigenes Zuhause wurde noch nicht genehmigt. Überhaupt sehen die Behörden Kirchenasyl kritisch. Bei Kirchenasyl handelt es sich nur um eine Art Tabu, das die Behörden und die Polizei daran hindern soll, die Flüchtlinge mit Gewalt aus kirchlichen Räumen zu holen. "Es gibt keinen Rechtstitel Kirchenasyl", weiß Andrea Friedrich.
So werden immer wieder Stimmen von Politikern laut, die vor einem "Missbrauch des Kirchenasyls" warnen. Immerhin konnte sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) vor einiger Zeit dazu durchringen, das Kirchenasyl "in besonders gelagerten Härtefällen" als Ultima Ratio zu bezeichnen.
Um genau solche Härtefälle geht es den Priesendorfer Katholiken: "Wir haben als Gemeinde gelernt, über den Tellerrand zu blicken, und durch die intensive Begegnung mit einzelnen Flüchtlingen die Dramatik der Entscheidung zur Flucht entweder 2000 Kilometer zu Fuß oder über das Mittelmeer erfahren", umschreibt die Pastoralreferentin die "bewegenden und oft auch bereichernden Erfahrungen" mit Anas, Saeed und Samira.


Letzter Ausweg

Gegenwind von Erzbischof Ludwig Schick brauchen die Priesendorfer auch in Zukunft nicht zu befürchten. Denn der Bamberger Oberhirte unterstützt jeden Fall von Kirchenasyl ideell und überlässt es jeder Pfarrei vor Ort, ob sie im Einzelfall Kirchenasyl gewährt. Schick bekennt sich wiederholt klar dazu: "Kirchenasyl ist eine Form der kirchlichen Fürsorge." Die Möglichkeit, in der Kirche als letzten Ausweg Zuflucht zu finden, "muss erhalten bleiben". Denn Kirchenasyl bedeute nicht, so der Erzbischof, dass die Kirche sich über staatliches Recht hinwegsetze. Das Kirchenasyl helfe vielmehr einzelnen Menschen, auf Zeit in Deutschland zu bleiben, um das Recht in vollem Umfang ausschöpfen zu können.
Trotz der derzeit übergroßen Zahl von Asylanträgen müsse jeder einzelne eingehender geprüft werden, erklärt Schick. Vor allem müsse die internationale Staatengemeinschaft endlich dafür sorgen, dass die Fluchtgründe bekämpft werden. Wie weit Samiras Heimat Iran von humanen Verhältnissen entfernt ist, berichtet die junge Frau ganz offen. Die Softwareingenieurin und schiitische Muslima sollte von ihren Eltern zwangsverheiratet werden. Zudem hatte sich Samira nach eigenen Worten "immer weiter vom Islam entfernt". Sie floh nach Italien, von dort gelangte sie nach Deutschland und landete mit etwa 30 weiteren Flüchtlingen in der Priesendorfer Gemeinschaftsunterkunft.


Ein glückliches Ende

Als "Dublin-Fall" erhielt sie den Abschiebebescheid zurück nach Italien. Die Traumata, die Angst vor einer erzwungenen Rückkehr möglicherweise in den Iran belasteten Samira außerordentlich. Da sie sich inzwischen aus tiefer Überzeugung auf die christliche Taufe vorbereitet und in die Gemeinde integriert, müsste sie im Iran mit Gefängnis, Folter, ja Todesstrafe rechnen. Es blieb nur noch das Kirchenasyl als Rettungsanker.
Und das hat ein glückliches Ende gefunden. Am Dienstag kam der vom Landratsamt übermittelte Bescheid des Bundesamtes für Migration, dass die Abschiebung aufgehoben ist. Samira blieb noch einen Tag und eine Nacht im Pfarrhaus - "als freier Mensch". Dann räumte sie das Gästezimmer - dankbar für die erfahrene Hilfe in Not.