Ja, wuher kummt denn des? Es ist doch wirklich eigenartig, dass gerade um die Zeit hoher, auch runder Geburtstage im Menschen so viel frühe Kindheitserinnerungen aufsteigen, an die er Jahrzehnte lang nicht mehr gedacht hat. Manches weiß man ja nur aus den Schilderungen der Eltern und Verwandten, die es immer wieder erzählten, bis es einem in Fleisch und Blut übergegangen war.
Da war die Kusine Gunda, fast 10 Jahre älter als ich, die mich begeistert im Kinderwagen ausfuhr. Sie wünschte sich so sehr ein Brüderchen oder Schwesterchen - obä ihä Eltern hom nix dävoo wissn gäwollt, - angeblich, weil sie als Säugling ununterbrochen geschrien haben soll. Ich habe viel von ihr gelernt und sie bewundert.
Wie man erzählt, hab ich sehr früh sprechen gelernt, natürlich Dialekt, - hochdeutsch war nur beim Beten gefragt. Meine Mutter war stolz darauf, dass ich schon mit zwei Jahren das "Gegrüßet seist du, Maria" auswendig konnte. Bei einem großen Verwandtschaftstreffen im Haus der Großmutter hat sie es erzählt - obä kannä hots glaabn gäwollt. Ich hab mich arg gesträubt, aber schließlich musste ich es doch "aufsagen". Als ich bei "der Herr ist mit dir" angelangt war und so viel Augenpaare auf mich gerichtet sah, stockte ich. Die Mutter wollte mir helfen: "Du bist ..." Wie aus der Pistole geschossen antwortete ich: "Ich bin ein deutsches Mädchen und hab die Heimat lieb!" Das war in den dreißiger Jahren ein Lied, das im BDM gesungen wurde und das ich - natürlich! - von der Kusine Gunda gelernt hatte.
Wenn sie "Säuglingsschwester" spielen wollte, musste ich - damals etwa drei Jahre alt, das Baby spielen. Ich wurde auf eine Kommode gelegt, eingepudert und in eine Windel gewickelt. In dieser Zeit war's ja für die jungen Mütter Ehrensache, dass die Kinder möglichst früh "sauber" wurden, das heißt, keine Windeln mehr brauchten. Ich konnte mich also überhaupt nicht mehr an diese Zeit erinnern und hab einfältig gefragt: "Wos mechstn do? Und zä woos braucht mä denn des?" Die "Säuglingsschwester" antwortete: "Des is a Windel, die braucht mä, wennst wisseln musst!" Anscheinend hab ich mir große Mühe gegeben, alles richtig zu machen, denn bald war nicht nur die Windel nass, sondern auch die Platte der Kommode. Entsetzt fing die Gunda an zu schimpfen und ich erklärte ganz verwundert: "Ich hob doch bloß des gämacht, wos du gäwollt host!"
Ja, und da kommt auch noch der Großvater ins Spiel. In seiner Jugend war er als Handwerksgeselle bis ins Elsass gewandert. Er war ein sehr ruhiger Mann, der wenig sprach, aber viel nachdachte. Seine Schwiegertochter, meine Mutter, nannte ihn insgeheim "den großen Schweiger". Aber mit Kindern konnte er sehr gut umgehen. Täglich nach dem Abendessen kletterte ich meinem Großvater, der Zeitung lesend am Tisch saß, auf die Knie zum "Kalendä ooschaua". Die Auswahl war nicht sehr groß: Die Jahreskalender von "Stadt und Land", vom "St. Heinrichsblatt" und einer von der Tageszeitung.
So sän immä widdä die gleichn Bildä oogschaut worn. "Schau", sagte der Großvater, "die villn Buberle und Mäderle!" Bald wusste ich schon vorher, was auf der nächsten Seite zu sehen war: "Und etz kummt..."
Eines Tages ging ich mit meiner Mutter in der Stadt am Schaufenster eines Fotografen vorbei und sah ein Bild, das ich erkannte. "Der Alte Fritz!", rief ich erstaunt und blieb stehen. Die Passanten wunderten sich: "Wos secht die Klaa füä Zeuch?" Ein "besserer Herr" darauf: "Und es stimmt sogar: Friedrich, der Zweite von Preußen!" "Naa, des is doch der Alte Fritz", protestierte ich. "Ja, das ist doch der Gleiche", lachte er: "Aber, woher kennst du ihn denn?" "Ausm Kalendä!"