von unserer Mitarbeiterin 
Christa Burkhardt

Kösten — Der Samstag ist ein stürmischer Tag. Windböen wehen Picknickgeschirr vom Tisch. Stroh wirbelt durch den Kuhstall des Erlebnisbauernhofs Hofmann in Kösten. Familien aus fünf Ländern sind heute hier zu Gast.
Die Kinder genießen Sonne, Wind, Weidentipi, Miteinandersein und Abwechslung. Die Gedanken der Erwachsenen wandern in ferne Heimaten. Syrien, Nigeria, Ukraine, Sierra Leone.
"Ich komme aus Aleppo in Syrien. Dort leben mehr als eine Million Menschen. Felder und Kühe kenne ich auch in meiner Heimat nur aus Büchern", sagt Rayans Mama. Dabei sieht sie den Kindern zu, die begeistert die Hofmannschen Milchkühe mit Heu füttern.

Aus Syrien geflohen

"Die ist rau, die Zunge", ruft Ali, dessen Familie ebenfalls aus Syrien geflohen ist. Aus Homs, einer umkämpften Stadt. Auch Ali und sein Bruder Zain sind zum ersten Mal auf einem Bauernhof. Anders die junge Mutter von Moses und David. Seit vielen Monaten lebt sie mit ihren Söhnen in Vierzehnheiligen. "Mein Heimatdorf in Nigeria ist klein, viel zu klein", sagt sie. "Dort gibt es schon immer viel Armut und wenig Zukunft. Und dann kamen auch noch Terror und Tod." Moses wirft Heu in die Luft. David strahlt und füttert Elfriede, denn im Offenstall in Kösten hat jede Kuh einen Namen.
Ihre Mama dreht sich weg. Die Kinder sollen ihre Tränen nicht sehen. "Zu Hause in Nigeria war ich für die Kühe zuständig", sagt sie. "Alle auf die Weide bringen, aufpassen, dass kein Tier verloren geht", und greift zu einem Taschentuch. "Moses ist in Nigeria geboren. Ohne Vater. Auf dem Land. Wir waren arm. Schule kostet Geld. Das wäre schon schwer genug gewesen." Und dann kamen der IS und die Terror-Organisation Boko Haram, die übers Land ziehen und töten.
Mit Säugling Moses flieht die junge Nigerianerin nach Libyen - für viele Flüchtlinge das erste Ziel und Hauptumschlagplatz für Schlepper und Plätze auf Schiffen und Booten im Mittelmeer. Dort wird David geboren.

Kinder integrieren sich leichter

"Meine Kinder wissen nichts über meine Kindheit mit den Kühen in Nigeria. Sie sollen ohne Angst und Hunger aufwachsen, lachen und lernen dürfen."
Gelernt hat Moses schon viel: "Die Kühe naschen gern, genau wie ich", sagt der Zweitklässer. Für die Kinder ist es leichter, in Deutschland heimisch zu werden und Freunde zu finden. Spielplatz, Kindergarten, Schule und schon sind sie mittendrin.
"Meine Mama ist bei den Aktiven Bürgern", sagt die blonde Sophie aus Bad Staffelstein. "Der Nikita kommt aus der Ukraine und geht mit mir in eine Klasse. Mit dem kann man prima spielen." Nikita strahlt.
Nikitas Mama dagegen hat Sorgen. "Ich lerne nicht gut Deutsch", sagt sie. Wie soll sie auch gut lernen, wenn sie nicht weiß, ob ihre Familie zu Hause in Donezk noch am Leben ist? Eltern, Schwester, Onkel. Steht ihr Haus noch? Haben sie zu essen? Bald kommt der Winter.


Wie man Kräuterbutter macht

Mittendrin zwischen all den Kindern und Erwachsenen aus fernen Ländern steht Elisabeth Hofmann, die Landwirtin. Sie zeigt den Kindern essbare Wildkräuter und wie man sie mit ein wenig Sahne zu Kräuterbutter schüttelt. Sie zeigt ihnen wenige Tage alte Kälber und den Melkroboter. Bei den trächtigen Kühen sollen die Kinder leise sein und langsam gehen, denn werdende Mütter brauchen Ruhe.
Auf dem Erlebnisbauernhof Hofmann sind Kindergärten und Schulklassen immer willkommen. Warum dann also nicht auch die Aktiven Bürger mit hiesigen und Familien aus aller Welt? So lernen die Kinder aus den Flüchtlingsunterkünften ihre neue Heimat kennen. Und zurück in der Nordgauer Straße gibt es beim Abendessen endlich einmal andere Gesprächsthemen als die Sorgen um ferne Verwandte und das zermürbende Bangen um eine Aufenthaltserlaubnis. Die Kräuterbutter schmeckt und "die Kühe sind der Hammer".