Margit Gamberoni sitzt mit drei Frauen auf der Couch in ihrem Wohnzimmer. Sie bemerkt lachend: "Wie vor zehn Jahren, als alles anfing." Mit dem Anfang meint sie die Gründung des "Ohrrings Bamberg", einer Selbsthilfegruppe für Schwerhörige und Cochlea-Implantat-Träger. Anfangs nahmen vielleicht vier bis fünf Leute an den Treffen teil, mittlerweile sind es 50.
Nicht nur die Gründerin Margit Gamberoni ist Betroffene, ihre Besucherinnen Irmhilde Maier, Hanne Widera und Christel Woltmann haben ebenfalls unter massivem Hörverlust gelitten.
Bei dem Wort Schwerhörigkeit denken viele Menschen automatisch an Leute im Rentenalter. Doch das ist ein falsches Bild. Nicht nur ein höheres Alter ist der Grund für die Leistungsabnahme des Gehörs. Viele junge Menschen kämpfen ebenfalls gegen die Schwerhörigkeit. Bei Irmhilde Maier fing die Schwerhörigkeit an, als sie vier Jahre alt war. Sie ertaubte später vollkommen. Bis heute konnte nicht festgestellt werden, was der Auslöser gewesen ist.


Gehörverlust durch Mumps

Bei Christel Woltmann stellte sich Jahre nach dem Gehörverlust heraus, dass alles durch eine Mumpserkrankung ausgelöst wurde. Hanne Widera bekam mit zwölf Jahren Scharlach und wurde danach schwerhörig. Margit Gamberoni ist die einzige Spätschwerhörige unter den vier Frauen. Bei ihrem 50. Geburtstag fiel ihr auf, dass sie die Reden ihrer Familie und Freunde nicht versteht. Seitdem hatte sie mehrere Hörstürze und ist taub.
Dass die Frauen trotzdem hören können, ist dem Cochlea-Implantat zu verdanken. Bis auf Hanne Widera, bei der ein Hörgerät ausreicht, tragen alle Frauen im Raum eines. Das Cochlea-Implantat ist eine Innenohrprothese, dank der taube Menschen hören können. Es wandelt den Schall in elektrische Impulse um, durch die der Hörnerv im Innenohr angeregt wird. Voraussetzung ist also ein funktionierender Hörnerv.
Das Implantat besteht aus zwei Teilen: Eines wird operativ hinter dem Ohr in den Schädelknochen eingesetzt, während das Andere wie ein Hörgerät außen am Ohr getragen wird. Ein normales Hörgerät funktioniert aber anders. Es verstärkt den Schall nur und hilft ausschließlich bei Schwerhörigkeit, nicht bei vollkommener Taubheit.


Induktive Höranlagen helfen

Trotzdem ist das Leben mit Cochlea-Implantat laut Margit Gamberoni nicht ganz unproblematisch: "Die Technik kann das gesunde Ohr nicht ersetzen. Wir bleiben weiterhin Hörgeschädigte. Von außen wird aber von uns erwartet, dass wir ganz normal hören können. Besonders in Cafés oder Gasthäusern, eben da wo es etwas lauter wird, wird es schwierig, denn alle Geräusche kommen herein." Aber auch Entfernungen, Töne, andere Aussprachen und durch ein Mikrofon Gesprochenes erschweren das Hören.
Eine Hilfe bei großen Räumen oder Veranstaltungen mit vielen Menschen sind induktive Höranlagen. Dabei wird durch eine sogenannte Induktionsschleife der Ton so umgewandelt, dass die Betroffenen ihn unverzerrt und in optimaler Lautstärke wahrnehmen.
Durch das persönliche Engagement von Margit Gamberoni und der Behindertenbeauftragten Nicole Orf in den letzten Jahren wurden bereits viele öffentliche Gebäude und Kirchen in Bamberg mit Induktionsschleifen ausgestattet. Das Rathaus zum Beispiel bietet mobile Induktionsschleifen an, die einfach um den Hals gehängt werden können. Aber auch im E.T.A.-Hoffmann-Theater ist induktives Hören möglich. Natürlich kann man nicht jeden Raum und jedes Café mit den Hilfsmitteln ausstatten. Um trotzdem möglichst viel zu verstehen, wenden die Hörgeschädigten Kommunikationstaktiken an. "Wenn ich in einem Gasthaus mit Geräuschkulisse bin, setze ich mich in eine ruhige Ecke mit dem Rücken zur Wand. Dem Gesprächspartner wende ich immer das Gesicht zu. Durch Mundabsehen können wir 30 bis 40 Prozent des Gesagten ablesen", erzählt Margit Gamberoni. Generell verbessern auch geschlossene Fenster und Türen, Vorhänge, Teppiche und Tischdecken die Akustik in einem Raum.


Programm des "Ohrrings"

Der "Ohrring Bamberg" setzt sich nicht nur für die Barrierefreiheit für Gehörgeschädigte ein. Bei ihren monatlichen Treffen helfen sich die Mitglieder gegenseitig immer mit Tipps und Ratschlägen und teilen ihre Erfahrungen miteinander. Es wird aber nicht nur über Probleme geredet, ein Programm gibt es auch. Über 60 Referenten durfte die Gruppe in den zehn Jahren schon begrüßen. Ob Ärzte, Psychologen oder Vertreter von Firmen, die Hilfsmittel für Hörgeschädigte vorstellten: Es durften bereits viele Fachleute Vorträge halten. Ausflüge, Tagesseminare und Kurse finden ebenfalls regelmäßig als Programmpunkte statt. Oft haben die Mitglieder nicht die Möglichkeit, an externen Kursen oder Führungen teilzunehmen, weil ihre speziellen Bedürfnisse nicht erfüllt würden. Aber so seien sie als geschützte, kleine Gruppe unterwegs und können dank der Induktionstechnik alles problemlos hören. Die Selbsthilfegruppe feiert heuer ihr zehnjähriges Jubiläum und ist offen für neue Mitglieder.