von unserem Redaktionsmitglied 
klaus schmitt

Westheim — Es gab auch die guten Deutschen, nicht nur Nazis. Der Widerstand gegen die Nationalsozialisten und das Attentat eines Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf den brutalen Diktator Adolf Hitler haben zu einem differenzierten Bild der Deutschen im Ausland beigetragen. Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist der Name, der immer und zuerst genannt wird, wenn vom Widerstand gegen Hitler und das Nazi-Regime die Rede ist. Es gab aber noch mehr Menschen, die sich - meist im Verborgenen - gegen das Unrecht aufgelehnt und versucht haben, vor allem denen zu helfen, die am meisten unter den Nazis zu leiden hatten, den Juden. Manche dieser Helfer, die sich einer Todesgefahr ausgesetzt haben, sind heute bekannt, manche nicht.

Durch den Ort getrieben

Einer von ihnen ist Adolf Zeiß aus Westheim. Der gelernte Spengler und Installateur, der 1979 gestorben ist, hat dem jüdischen Mädchen Ella Mahler aus Westheim dazu verholfen, dass es den Nazis entkam und nach Amerika flüchten konnte. Sie überlebte die Verfolgung durch die Nazis.
Wie das gekommen ist, erzählten sein Sohn Norbert (heute 80) und dessen Frau Sieglinde Zeiß (76) unserer Zeitung.
In der Reichspogromnacht (9. November 1938) wüteten SA-Leute auch in Westheim (siehe den Bericht unten). Sie trieben die jüdischen Mitbürger des Ortes zusammen, schikanierten und attackierten sie. Dabei bemerkten sie offenbar, dass Ella Mahler fehlte. Die Nazi-Truppe suchte nach dem jüdischen Mädchen. Dabei kam sie auch in das Haus von Adolf Zeiß, der ein Nachbar von Ella Mahler war. Die SA-Leute durchsuchten alles und haben sogar "mit Gabeln ins Heu gestochen", weiß Norbert Zeiß aus den späteren Erzählungen in der Familie. Gefunden haben sie die Ella Mahler nicht.
Nicht nur die Juden in Westheim, sondern auch Adolf Zeiß befand sich damals in höchster Gefahr. "Wir nehmen den Judenknecht auch gleich mit", hatten ihm die SA-Leute vorher gedroht, als sie die jüdischen Mitbürger durch den Ort scheuchten.

Hinter dem "Wasserknecht"

Ella Mahler hatte sich in der Tat im Haus von Adolf Zeiß versteckt. Sie war durch eine Lücke im Zaun auf das Nachbaranwesen und in einen Vorratsraum geschlichen. Dort verbarg sie sich zwischen dem "Wasserknecht" und der Wand. Der "Wasserknecht" war ein etwa einen Meter breiter und 1,80 Meter hoher Wasserbehälter, den der Spengler Adolf Zeiß selbst installiert hatte.
Die SA-Leute hatten Ella Mahler dort nicht gefunden, aber eine Tante von Norbert Zeiß entdeckte sie hinter dem "Wasserknecht". Die Tante des heute 80-jährigen Westheimers war in die Vorratskammer gegangen, um etwas zu holen, und betete dabei laut. Auf ihr Gebet hin antwortete die versteckte Ella Mahler mit den Worten: "Herr, erbarme dich".
Was ist zu tun? Es war eine gefährliche Situation. Adolf Zeiß nahm das jüdische Mädchen, setzte es auf sein Moped und fuhr es in das benachbarte Eschenau. Von dort gelang dem Mädchen die Flucht aus Deutschland. Die näheren Umstände sind bis heute nicht bekannt.
Jedenfalls kam Ella Mahler bei ihrer Flucht nach Amerika auch auf einen englischen Flugplatz. Auf der Gangway zu einem Flugzeug hat sie dabei einen Schuh verloren. Den wollte sie sich wieder holen und ging deshalb zurück. Ein anderer Passagier hielt sie zurück und schob sie weiter in Richtung Flugzeug mit den Wort: "Lieber mit einem Schuh in Amerika ankommen als gar nicht."
Ella Mahler glückte die Flucht. Sie gelangte nach Amerika, überlebte das Dritte Reich, die Verfolgung durch die Nazis und den Holocaust. Die Westheimer Jüdin heiratete. Sie nahm später Kontakt mit Personen in ihrem Heimatdorf auf und pflegte einen regen Briefaustausch mit Paula Zeiß, der Frau von Adolf Zeiß. Paula Zeiß ist 1999 im Alter von 90 Jahren gestorben. Ihr hatte Ella Mahler auch die Geschichte mit dem Schuh auf dem englischen Flugplatz erzählt. Ella Mahler hat nach dem Krieg Westheim auch besucht.
Norbert und Sieglinde Zeiß, Sohn und Schwiegertochter von Adolf und Paula Zeiß, wissen bis heute nicht, wie der Ella Mahler die Flucht gelungen ist. Sie wissen auch nicht, zu welcher Person in Eschenau sie damals gebracht worden war. Welcher Eschenauer hatte damals Ella Mahler geholfen? Adolf Zeiß "hat uns nie den Namen gesagt", schildert Sieglinde Zeiß unserer Zeitung.
Das Thema der Juden-Verfolgung wurde in der Familie kaum angesprochen, und es fällt Norbert und Sieglinde Zeiß auch heute noch schwer, darüber zu reden. Sie haben das Dritte Reich und den Krieg als eine schlimme Zeit in Erinnerung. Es herrschte riesengroße Angst in der Zeiß-Familie, dass die Geschichte mit Ella Mahler herauskam. Aber sie blieb geheim und wurde auch nach 1945 nicht in die Öffentlichkeit getragen.
Adolf Zeiß, der wegen der großen Arbeitslosigkeit in den 1920er Jahren nach Amerika ausgewandert war, dort eine Zeitlang lebte, aber später - der Liebe wegen - nach Westheim zurückkehrte und blieb, war im Dritten Reich mehrmals mit den Nazis aneinander geraten. Es ging glimpflich aus, obwohl er zweimal für kurze Zeit im Gefängnis in Bamberg und Haßfurt landete.
Adolf Zeiß hatte zum Beispiel die Hirtenbriefe des Würzburger Bischofs heimlich an die Pfarrer und Klöster in der Umgebung verteilt. In einem Nachbarort von Westheim war seine geheime Tätigkeit verraten worden. Das bedeutete Gefängnis. Verdächtig machte ihn auch, dass er sich manchmal mit Freunden in englischer Sprache unterhielt.

Schicksal ist ungewiss

Was ist aus Ella Mahler geworden? Das ist nicht bekannt. Nachdem Paula Zeiß im Jahr 1999 gestorben war, ist der Kontakt abgerissen. Norbert und Sieglinde Zeiß wissen nicht, ob die ehemalige jüdische Mitbürgerin aus Westheim heute noch lebt. Sie müsste inzwischen eine Frau mit einem Alter von weit über 80 Jahren sein.