von unserem Mitarbeiter 
Tarek J. Schakib-Ekbatan

Bamberg — Studentenleben - das Leben hält einen fortwährend beschäftigt. Man muss alle möglichen Dinge tun. Essen zum Beispiel. Das ist an sich ganz einfach: Nahrung rein, kauen, schlucken, wiederholen. Die meisten Menschen machen das ganz gern. Ich auch, außer neulich.
Ich war eine ganze Weile erkältet. Das war störend, aber ganz erträglich. Bis, ja bis die Bissen plötzlich bis zu meinem Gaumen kamen, aber nicht weiter. Ich konnte selbst meine Lieblingspizza nur unter größten Schmerzen meinen Hals herunterschieben. Jeder Bissen war wie die Liebe, paradiesisch köstlich und quälend zugleich.
Von den Dingen, die man tun muss, tut man manche gern, einige aber nicht. Zum Arzt gehen gehört in die zweite Kategorie. Da unter Schmerzen essen deutlich unangenehmer ist als zum Arzt zu gehen, tat ich Letzteres und rettete mein Leben. Gut, eigentlich retteten die Ärzte mein Leben, aber ich habe immerhin die Initialzündung gegeben, indem ich dort aufschlug und Meldung machte.
Meine Hausärztin guckte in meinen Hals, erschrak, schickte mich per Taxi zum HNO-Arzt, der in meinen Hals guckte, "Scheibenkleister" murmelte und mich per Notfallüberweisung in die HNO-Klinik Erlangen jagte.
Ich bleibe in solchen Situationen immer ruhig. Meine Freundin Zamira nicht. Sie fängt an zu weinen. Dann habe ich das Gefühl, sie trösten zu müssen, obwohl ich derjenige bin, der ins Spital muss. Ich hätte ihr am liebsten gar nichts davon erzählt. Aber es ist seltsam, wenn man zusammen in einer Wohnung wohnt und die andere Person unerwartet eine Woche lang nicht nach Hause kommt. Zamira würde eine Woche Ruhe vor mir, glaube ich, sehr genießen. Eine von Sorge um meinen Verbleib durchtränkte Woche wäre ihr aber wahrscheinlich nur so sehr Genuss wie mir die Pizza, die ich nicht herunterschlucken konnte.

Der Trick mit dem Chic

Bevor ich ins Krankenhaus fuhr, tat ich das, was jeder Kassenpatient tun sollte: Ich zog mir meine schicksten Klamotten an. Der Trick besteht darin, so zu tun, als ob man viel Geld und/oder Einfluss besäße. Das kann dazu beitragen, dass man besser behandelt wird.
Um meinem optischen Eindruck auch menschlich Nachdruck zu verleihen, bewegte ich mich im Krankenhaus wie auf einer Abendveranstaltung. Nur ohne die Griffe nach den Häppchen und dass der Tanz auf dem gesellschaftlichen Parkett dadurch erschwert wird, dass man häufig einen Infusionsständer hinter sich her zieht.
Ich scherzte mit den Schwestern, fachsimpelte mit den Ärzten über teure Armbanduhren und Frauen, lächelte viel und versuchte stets den Eindruck zu erwecken, dass es auch für das gesamte Pflege- sowie Reinigungspersonal ein großes Übel wäre, wenn ich mich unwohl fühlte oder stürbe. Dieses Verhalten beruhigt mich. Außerdem springt hier und da tatsächlich ein Bonus heraus. Die irakische Putzdame, mit der ich besonders schnell warm wurde, fragte mich immer, wann ich mich waschen wolle. Sie putzte dann direkt vorher das Badezimmer, so dass ich dieses in einem Zustand maximal möglicher Reinheit beduschen konnte.
Zamira ist oft schlauer als ich. Oft nervt mich das. Aber mindestens genauso oft freue ich mich darüber. Denn ich kann sie fragen, wenn ich etwas nicht verstehe.
Zum Beispiel bei folgender Szene am dritten Tag: Ich sitze im Behandlungsstuhl. Der Arzt, an dessen Arm eine original Rolex Submariner hängt, schaut mit Hilfe seltsamer Apparate in meinen Hals und sagt, mein Zustand sähe ganz gut aus. Allerdings müsste ich noch ein paar Tage zur Beobachtung dableiben. Weil, so erklärte er, "wenn die Entzündung in die Lunge rutscht ...", dann schwieg er und zeigte mit dem Finger an die Decke. Ich guckte hoch, sah aber nur die Deckenverkleidung, die, soweit ich das beurteilen konnte, in tadellosem Zustand war. Ich schaute ihn fragend an. Er wiederholte die Bewegung, wobei sein Ärmel herunterrutschte und nun den kompletten Blick auf seine Uhr freigab; ich dachte, er wolle vielleicht einfach mit der Rolex angeben und beließ es dabei.

Niagarafälle ade!

Ich erzählte Zamira die Geschichte. Danach konnte ich die Niagarafälle von meiner Liste mit den hundert Dingen, die ich vor meinem Tod sehen wollte, streichen. Während ihre Tränen herabstürzten, erklärte sie mir, der Arzt hätte weder seine Uhr in Szene setzen noch auf den Zustand der Deckenverkleidung hinweisen wollen - sein Finger habe in den Himmel gezeigt. Ich dachte kurz nach. Himmel klingt ja nicht schlecht - beinahe paradiesisch. Ich stellte mir vor, wie ich auf einer Wolke schwebend für den "Himmlischen Tag" über das Leben dort schreiben würde. Ich müsste mich wahrscheinlich mit allerhand berühmten Persönlichkeiten um den Job streiten. Zum Beispiel mit John Hill. Der soll die Rubrik "Kolumne" überhaupt erfunden haben. In London, im Jahr 1751. Er schrieb unter dem Namen "Der Inspektor". Allerdings weiß ich nicht, ob er im Himmel ist. Und wenn, ist er dort seit über 250 Jahren. Vielleicht hat er dann auch keine Lust mehr. Und im Paradies ist ja wohl auch genug Platz und Arbeit für alle.
Nach wenigen Tagen war aber alles wieder in bester Ordnung, und ich stehe im Saft wie ein Strohhalm in einem frisch gepressten Mango-Ananas-Shake. Das Wichtigste, was ich aus dem Krankenhausaufenthalt mitnehmen kann, ist wohl die Prophezeiung des Arztes, dass ich nach meinem Ableben in den Himmel kommen würde. Ein gutes Omen. Ich bin aber froh, dass es noch nicht so weit ist. Hab hier noch zu tun.

Einen schönen Tag (und Urlaub anstelle von Krankenhaus) wünscht Ihnen Ihr
Tarek J. Schakib-Ekbatan