W ir feiern an Weihnachten die Geburt Jesu vor über zweitausend Jahren. Aber was feiern wir eigentlich? Ein Fest feiert man nur, wenn man davon leben kann. Wie können wir von Weihnachten leben?
Der Dichter Angelus Silesius hat es in die wunderbaren Verse gefasst: "Wär' Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren." Christus will in mir geboren werden. Wie kann ich mir das vorstellen? Wo Gott in mir geboren wird, komme ich in Berührung mit meinem wahren, ursprünglichen und unverfälschten Selbst. Gott wird als Kind in mir geboren.
Wenn ein Kind geboren wird, verbinden wir mit einer Geburt immer die Hoffnung, dass alles besser wird, dass das
Kind etwas Besonderes ist, dass es Licht und Wärme in diese Welt bringt. Wenn Gott in uns als Kind geboren wird, dann dürfen wir vertrauen, dass Gott mit uns von Neuem anfängt. Wir sind nicht festgelegt auf unsere Vergangenheit.
Weihnachten ist die Verheißung: Gott fängt neu mit dir an. Du brauchst nicht mehr unter der Last der Vergangenheit zu stöhnen. Wirf sie einfach ab. Der neue Anfang gibt dir die Hoffnung, dass alles gut werden kann mit dir.
Gott wird im Stall geboren. Wir finden ihn nicht in den Räumen unseres Lebenshauses, die wir andern gerne zeigen, in denen wir uns stark und reich fühlen. Gerade dort, wo wir uns als schwach erleben, dort, wo es nicht so angenehm riecht, will Gott als Kind geboren werden. In
unserer Dunkelheit, unserer Angst, unserer Traurigkeit will das Licht des göttlichen Kindes aufleuchten, um alles in uns zu verwandeln.
Gott erscheint zuerst den Armen. Die Hirten, die nachts bei ihren Schafen wachten, haben als Erste erfahren, dass ihnen der Heiland geboren wurde, der ihr verwundetes Leben heilen und verwandeln wird.
Es braucht Wachsamkeit und Achtsamkeit, um an Weihnachten das Geheimnis zu verstehen, das uns die Bibel verkündet. Es genügt nicht, wie jedes Jahr Weihnachten mit den gleichen Ritualen zu feiern. Es braucht die Wachsamkeit, mit der wir uns fragen: Was heißt Weihnachten für mich persönlich? Was bedeutet es für unsere zerstrittene und vom Terror bedrohte Welt, dass wir Weihnachten feiern? Wollen wir uns an Weihnachten eine heile Welt bauen oder feiern wir dieses Fest bewusst angesichts dieser oft so dunklen und unverständlichen Welt?
Weihnachten ist nicht nur ein Familienfest oder ein Fest der persönlichen Erneuerung,
sondern auch ein Fest, an dem wir die Hoffnung auf eine menschlichere und friedlichere Welt feiern. In dem Kind im Stall von Bethlehem ist Gottes Friede auf diese Erde gekommen. Weihnachten in Bethlehem war ein Gegenprogramm zu der Politik des "Friedenskaisers" Augustus, der mit militärischer Macht den Frieden durchgesetzt hat.
Weihnachten heute kann ebenso ein Gegenprogramm zu allen kriegerischen und gewalttätigen "Friedensmissionen" unserer Tage sein. Der Friede, der in Jesus erscheint, will diese Welt durch eine scheinbar ohnmächtige, auf Dauer aber umso kraftvollere Weise durchdringen und verwandeln.
So wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, in dem Vertrauen, dass Gott auch in Ihrem Stall geboren wird und alles Dunkle in Ihnen erhellen wird. Und ich wünsche Ihnen ein Fest, an dem Sie diese Welt mit neuer Hoffnung und Zuversicht betrachten, weil diese Welt durch die Geburt Jesu Christi anders geworden ist, menschlicher und wärmer, heller und friedlicher.

(Günter Schmitt ist Dekanatsreferent des katholischen Dekanates Haßberge.)