Tätowierungen sind ein ungemein rätselhaftes Phänomen. Bedenkt man, dass sie derzeit eine Blüte erleben, so stellt sich die Frage nach der Möglichkeit einer kunstgeschichtlichen Einordnung dieses Umstands. Eine Renaissance erlebt die Tätowierung insofern ja nicht, da ihr eine Hochblüte hätte vorausgehen müssen, diese Hochblüte aber bislang keine war und außerdem nur Egon Erwin Kisch, Seeleuten, halbseidenen Gestalten und Fremdenlegionären vorbehalten blieb, wobei die auf ihren Häuten zur Geltung gekommenen Motive - mit Ausnahme des Konterfeis eines Offiziers auf Kischs Hintern - witzlos schlicht blieben.
Zudem ist jeder Hinweis auf die alte Tätowierkunst der Maoris hinkend, da eine Renaissance bedeuten würde, dass in ihr die Klassik aufersteht. Doch weder laufen die Tätowierten hier wie Maoris herum, noch lässt sich sagen, dass die schlichten Tätowierungen von einst, als Klassiker auf heutigen Häuten Wiederholung finden. Nach der etwas umständlichen Einleitung springen wir hurtig zu einer vor Jahren stattgefundenen Begegnung auf der Lichtenfelser Tattoo-Convention.
Dort zeigte mir eine überaus tätowierte Lichtenfelserin, was ihr so alles an Subtilitäten unter die Haut ging. Zwar herrschte unterhalb der Hüfte noch ein gewisser Hang zu Ornamentik, doch auf der Rückseite begegneten mir bunte Formen, die Rohrschachttests nicht unähnlich sahen. Auf dem Rücken wurde ihr Sinn für Gleichnisse, Parabeln, und Metaphern deutlich. Drei Tränen, drei Augen und drei weiße Tauben befinden sich auf ihren Schulterblättern, die Erklärung dafür: "Die Tränen symbolisieren die Reinheit und die Tauben die Reinheit der Reinheit." So sagte mir das damals die Frau, reichlich kryptisch zu ihren sehr individuellen Motiven. Die Tauben würden außerdem für ihre drei Kinder stehen, die "irgendwann mal flügge werden". Und wenn es dann soweit sein wird, "werde ich immer ein Auge auf sie haben", so die Frau über ihre drei Schulteraugen.
Je eine Träne pro Auge werde sie dann auch noch vergießen, erklärte sie und betonte, dass es insgesamt nur drei Tränen auf ihrer Schulter seien, weil zum Flüggewerden ja auch ein lachendes Mutterauge angebracht sei. Sonst hätte sie sich ja gleich sechs Tränen tätowieren lassen können, je zwei pro Auge. "Klar, logo", sagte ich - gänzlich erschlagen von so viel Symbolik.
Aber wandte sich der Symbolismus nicht eigentlich wiederum gegen die verklärende Schwärmerei der Romantik? Irgendwie gelang es mir nicht, mich dem Phänomen Tätowierung kunstgeschichtlich anzunähern. Endgültig den Rest gab mir aber ein Staffelsteiner. Auf die Frage, was die Figur Bernd das Brot großflächig auf seiner Brust mache, erklärte der Mann: "Da war noch Platz frei und Spongebob konnte die Tätowiererin nicht."