So verschieden wie wir alle, so vielfältig sind auch die Ausprägungen der Autismus-Spektrum-Störung. Und gerade deshalb ist es keine einfache Aufgabe, eine Wohngemeinschaft zu schaffen, in der jeder Autist seinen individuellen Platz finden soll und in der dessen Neigungen und Interessen gefördert werden sollen.
Doch es ist den Barmherzigen Brüdern ein Anliegen, solch eine Wohngemeinschaft zu eröffnen, denn in Mittelfranken sind derartige Wohnmöglichkeiten rar gesät. "Diese Einrichtung soll für die betroffenen Menschen gleichzeitig ein Zuhause und eine Förderstätte sein", sagte Günther Allinger, Geschäftsführer der Barmherzigen Brüder. Denn neben der reinen Wohnmöglichkeit soll auch dafür gesorgt werden, dass die Bewohner individuell gefördert werden und in die Arbeitsräume und Werkstätten integriert werden - sofern sie das wollen.


Zusammenarbeit trägt Früchte

Um dem Bedürfnis nach einer geschützten und übersichtlichen Umgebung nachzukommen, das viele Autisten haben, werden eventuell eigene Arbeitszimmer eingerichtet. Auch bei den zwölf Einzelzimmern im geplanten Gebäude werden spezielle Bedürfnisse berücksichtigt. Autisten sind oft überempfindlich, was das Sehen und Hören angeht, sodass an Schallschutz oder spezielle Lampen gedacht werden muss, um das Wohlbefinden der Bewohner zu gewährleisten. Betroffene verspüren außerdem teilweise einen hohen Bewegungsdrang, brauchen andererseits aber auch einen Ort, an den sie sich in Ruhe zurückziehen können. Die Unterschiede in den Neigungen der jeweiligen Betroffenen erfordern also viel Geschick und Erfahrung bei den Planungen.
Der Förderantrag für die Einrichtung wurde bereits eingereicht. Neben den üblichen Förderungen können sich die Barmherzigen Brüder aber besonders über eine zweckgebundene Spende über 50 000 Euro der Stiftung Muschelkinder freuen, die es ermöglicht, dass die Wohngemeinschaft noch gezielter auf die Bedürfnisse der einzelnen Autisten abgestimmt werden kann.
Die Stiftung, die 2009 von drei betroffenen Familien und dem Regionalverband Autismus Mittelfranken ins Leben gerufen wurde, hat es sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Autismus zu fördern und zu unterstützen. Sie beteiligt sich unter anderem an der Schaffung von Arbeits-, Wohn-, und Freizeitmöglichkeiten, als auch an der Finanzierung von Urlaubs- und Freizeitangeboten.
"Unser Ziel war immer, eine Wohnmöglichkeit für Autisten in Mittelfranken zu schaffen", erzählte der Vorstand der Stiftung, Hans David, der für sein Engagement bereits das Bundesverdienstkreuz erhalten hat. Nachdem die Barmherzigen Brüder auf die Stiftung zukamen und ein gemeinsames Wohnprojekt vorschlugen, beschloss die Stiftung Muschelkinder, sich mit dem Träger zusammenzutun. So begann die Zusammenarbeit, die schon bald Früchte tragen soll.
Ein ebenerdiges Gebäude soll den Grundstein für die Wohngemeinschaft bilden. Es soll sowohl Bewegungs- als auch Rückzugsorte bieten. In der Mitte des Gebäudes ist ein kleiner Innenhof, ähnlich eines Atriums, geplant. Die Räume an sich sollen übersichtlich gestaltet werden, um Ordnung und Gewohnheit zu suggerieren. Denn Gewohnheit und auch ein strukturierter Tagesablauf sind wichtig, damit sich Autisten wohlfühlen.
Während Autisten früher eher als "schizophren" abgestempelt wurden, wird die Entwicklungsstörung heutzutage deutlich früher erkannt und diagnostiziert. Autismus an sich ist gar nicht so selten, wie man vielleicht denken mag. Jeder Hundertste ist - in stärkerer oder schwächerer Form - davon betroffen. "Obwohl in der Aufklärung über Autismus bereits einiges geleistet wurde, gibt es in der Gesellschaft viel aufzuarbeiten. Wir müssen die Besonderheiten der Betroffenen annehmen und nicht versuchen, sie zu ändern", betonte Stefan Bauerfeind vom Vorstand der Stiftung Muschelkinder und Vorsitzender von Autismus Mittelfranken.