Anna Lienhardt

Nun haben sie alle ihre Aussage gemacht: zwölf junge Frauen im Alter zwischen 17 und 28 Jahren. Glaubt man der Anklageschrift, sollen die zehn Patientinnen und zwei Krankenhaus-Mitarbeiterinnen Opfer von Heinz W. geworden sein. Der ehemalige Leiter der Gefäßchirurgie am Klinikum Bamberg ist unter anderem wegen Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung und sexueller Nötigung angeklagt.
Der Mediziner bestreitet die Vorwürfe und betonte bereits mehrmals: Er ist selbst Opfer, nämlich von Vorverurteilung durch Staatsanwaltschaft, Ermittlungsbehörden und Medien.
Auf letztere kam W.s Verteidiger Klaus Bernsmann auch am Dienstag wieder zu sprechen: In einer Erklärung verlangte er, dass ein Sachverständiger die Glaubwürdigkeit der Opferzeuginnen prüfen möge. Es sei wichtig, "bei den Zeuginnen danach zu forschen, was wirkliche Erinnerung ist, und was nur vermeintliche. Die vermeintliche Erinnerung ist präformiert durch Medien und Gespräche."
Außerdem möchte die Verteidigung herausfinden, ob die Kommunikation der Nebenklägerinnen untereinander eine Rolle gespielt haben könnte. Einige der Frauen, die sich bei der Polizei gemeldet hatten, hatten danach per E-Mail Kontakt zueinander aufgenommen. Die Hauptzeugin hatte dazu eine Adresse bei der Polizei hinterlegt, an die die anderen Frauen schreiben konnten.
"Wir wollen den E-Mail-Austausch zwischen den Nebenklägerinnen zur Verfügung gestellt bekommen oder beschlagnahmt wissen", forderte Bernsmann.


Als Notfall zum Spezialisten

Die 28-Jährige, die am Dienstag vor Gericht geladen war, hatte von diesem E-Mail-Angebot keinen Gebrauch gemacht. Vor fünf Jahren war die Frau aus dem Landkreis Haßberge Patientin von Chefarzt Heinz W. gewesen. Sie war von ihm als Notfall wegen eines Verschlusses der Beckenvene operiert worden, auch die Vor- und Nachuntersuchung übernahm der Gefäßspezialist.
Bei letztgenannter habe der Mediziner ein Ultraschallgerät verwendet und angekündigt, dass er ein Kontrastmittel spritzen werde. Dadurch "könne man die Venen besser sehen", zitierte Gerichtssprecher Leander Brößler die Zeugin. Diese machte ihre Aussage unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Gerichtssprecher gab im Anschluss einige Details aus der nichtöffentlichen Sitzung bekannt.
Demnach sei es der damals 22-Jährigen "komisch" vorgekommen, dass sie an die Untersuchung keine Erinnerung habe. Der Angeklagte habe sie noch darauf aufmerksam gemacht, dass sie vom Kontrastmittel müde werden könne, da sei ihr auch schon der Kopf "weg gesackt".
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mediziner statt eines Kontrastmittels das Beruhigungsmittel Midazolam gespritzt hat. Dann soll er die junge Frau im Intimbereich berührt und fotografiert haben.
Fotos, mit denen die Unterfränkin konfrontiert wurde, nachdem sie sich entschlossen hatte, sich bei der Polizei zu melden. Das Schlimmste sei für sie gewesen, dass solche Bilder von ihr vorhanden seien, sie von deren Erstellung jedoch nichts mitbekommen habe, gab Brößler die Aussage der Frau wieder.
Vermutlich hätte sie Fotos zu Dokumentationszwecken sogar zugestimmt - wäre sie gefragt worden, so die Zeugin.
Als die Vorwürfe gegen Heinz W. im Sommer 2014 öffentlich wurden, habe ihre Tochter gleich den Verdacht geäußert: "Da bin ich bestimmt dabei", zitierte die Mutter ihr Kind im Gerichtssaal. "Ich habe ihr gesagt, sie soll erst mal langsam tun mit einer solchen Behauptung. Ich weiß nicht, warum sie den Verdacht hatte. Sie hat nie irgendwas erzählt." Näher hätten die Eltern ihre Tochter aber nicht auf das Thema ansprechen dürfen. "Wir durften es auch niemandem erzählen." Der Vater merkte in seiner Zeugenaussage an: "Von dem Zeitpunkt an, als es in den Medien war, waren die Eltern-Kind-Gespräche eingeschränkt. Sie war nicht mehr so, wie ich sie zuvor gekannt habe. Sie hat sich zurückgezogen."
Der Prozess wird am 12. Januar fortgesetzt.