von unserem Redaktionsmitglied 
Matthias Einwag

Bad Staffelstein — Die Welt war in den 1950er Jahren eine andere. Es gab längst noch keine Autobahn am Obermain, die Leute waren weniger mobil, und man verbrachte den Urlaub meist zu Hause. Und am Staffelberg lag noch viel mehr Schnee als heute.
Adam Geuß entdeckte damals seine Leidenschaft fürs Skifahren. Seine beiden älteren Brüder, Heinrich und Adolf, hatten den Jugendlichen an diesen Sport herangeführt, von dem der heute 76-jährige Landwirt noch immer schwärmt.
Mit fast 2,30 Meter langen Skiern bretterte der 15-Jährige damals los. Vom Staffelberg- Hochplateau aus ging's in wildem Schuss zwischen eng stehenden Kiefern hindurch, über Hügel und Schanzen. Gewachst wurden die Bretter mit einem Kerzenstummel, den Adam Geuß in der Jackentasche mitführte. Und die Skier entsprachen längst nicht den heutigen Sicherheitsstandards: Sie waren aus blankem Holz, hatten keine Metallkanten und waren mit simplen Lederriemen am Fuß befestigt. Einen Hammer und Nägel zum Reparieren der Bretter hatte Adam Geuß stets bei sich.

Toni Sailer war sein Vorbild

Ob er damals einen Helm trug? Der 76-Jährige lacht: "Ich hab' bloß mei' Toni-Sailer-Käppla aufg'habt." Inspiriert durch den damals sehr bekannten österreichischen Skirennläufer Sailer aus Kitzbühel, dessen Markenzeichen eine schwarze Mütze ("der schwarze Blitz aus Kitz") war, kleidete sich Adam Geuß ähnlich wie sein Idol. "Der Sailer machte bei Olympia mit - genau an dem Tag, an dem ich mein Skifahrerhobby begann", sagt er. Das schwarze Käppla setzte er damals "nicht aus Jux" auf, sondern "weil ich vor dem an großen Respekt hatte".

Jede Piste war ihm vertraut

Auf den Staffelberg, den er von seiner Wohnung in der Horsdorfer Straße sehen konnte, zog es ihn sehr oft. Jede topografische Besonderheit, jede Senke und jeden Baum kannte er - und das kam ihm beim Skifahren zugute. Vom "Viereck" übers "Dreieck" durch die "Schleuse" ging die rasende Abfahrt, bei der Adam Geuß nach eigener Schätzung manchmal bis zu 80 km/h erreichte.
Für die Abfahrtsrennen wurde nicht trainiert im strengen Sinn: "Wer da war, war da." Seine Brüder Heinrich und Adolf waren häufig dabei, doch bei gestoppten Rennen schlug "der Adel", wie der Landwirt noch heute in Bad Staffelstein genannt wird, seine Konkurrenten meist, seinen Bruder Adolf oft mit nur einem hauchdünnen Vorsprung. Der "schwarze Blitz" preschte - wenn die Schneelage das zuließ - den Berg hinab und glitt dann bis vor seine Haustür in der Horsdorfer Straße. "Es gab damals mehr Schnee, und dieser Schnee war fester und stärker als heute", urteilt der Landwirt, der auch aus beruflichen Gründen das Wetter immer genau beobachtete.

Mit Schlittschulaufen begonnen

Seine Liebe zum Wintersport rührte eigentlich vom Schlittschuhlaufen her, erzählt Adam Geuß. Auf Altwassern und Flutmulden am Main und auf einem Weiher unweit des Friedhofs seien die Staffelsteiner Kinder und Jugendlichen in den 1950ern mit Kufen übers Eis geglitten. Davon schwärmt er noch heute: "Da war ich der King!"
Die größere Herausforderung sei dann aber die Abfahrt vom Staffelberg für ihn gewesen. Trotz der einfachen Ausrüstung, die heute als lebensgefährlich eingestuft würde, hatte Adam Geuß nie einen schlimmen Sturz. Unverletzt passierte er die Tore aus Baumstämmen und sprang über die schneebedeckten Kuppen des felsigen und waldigen Abhangs bis zum Scheffel-Denkmal.
Mit seinem schwarzen Toni-Sailer-Käppla auf dem Kopf probierte er oftmals alleine neue Passagen aus, er testete, was möglich ist. Warum er das tat? Aus purer Lebensfreude, aus Spaß, und nicht, um einen Wettkampf zu gewinnen.
Als er in die Jahre kam, verlegte er sein Hobby von der Skiabfahrt mehr auf Langlauf. Bis zur Hohen Eller bei Vierzehnheiligen spurte er über den Jura - natürlich um von dort aus hinab zu brausen ins Tal. Seine Kondition sei damals sehr gut gewesen, erinnert er sich, das kam wohl von der harten körperlichen Arbeit beim Holzmachen und in der Landwirtschaft.

Letzte Abfahrt 1983

Heute stehen seine Skier im Keller. Zwei laaange "Blizzards", aus den 1970ern. Denn längst hat Adam Geuß das Skifahren aufgegeben, 1983 wagte er sich letztmals auf die Bretter, um am Staffelberg zu fahren.
Von seinen Erfolgen in den 1950ern zeugen zwei Pokale, die Patina angelegt und ein wenig Staub auf dem Deckel haben, sowie etliche Urkunden an der Wand des Wohnzimmers. Die Urkunden datieren aus den Jahren 1954, 1956 und 1968, als Adam Geuß bei den Abfahrtsläufen am Staffelberg jeweils Erstplatzierter war. Sein mehrmals von ihm um Sekunden deklassierter Bruder Adolf (80) kommentiert das mit einem Augenzwinkern: "Der Adel war halt immer a weng schneller als ich."