Rudolf Görtler

Er ist ja ein netter Kerl, dieser 32-jährige Oberpfälzer. Sebastian Zawrel heißt der gelernte Großhandelskaufmann und arbeitet wohl auch in diesem Beruf. Doch das hat ihm natürlich nicht zu einiger Berühmtheit verholfen, zu einer Lesereise im Herbst und zu einer Einladung ans Institut für Kommunikationswissenschaft der Bamberger Universität.
Nein, auch wenn der Dozent André Haller W. Nachdenklich wohl aus seligen Jugendtagen kennt, hätte sich der Mann mit der Baseballmütze und der Faschingsnase wohl kaum in einen Uni-Hörsaal als prominenter Gast verirrt. Es sind die 343 970 "Likes" - das heißt, exakt so viele Menschen haben den "Gefällt-mir"-Knopf angeklickt - auf der Facebook-Seite "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder", die Zawrel zu einem Phänomen machen und interessant für die Kommunikations-Theoretiker - - und für etwa 400 Studentinnen und Studenten im Saal.
Was ist nun das Geheimnis der viralen Verbreitung von "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder"? Es ist kein großes Geheimnis. Zawrel beschafft sich kitschige Postkartenansichten, die Qua-drillionen von Facebook-Auftritten zieren bzw. verunstalten und häufig mit pseudotiefsinnigen Kalendersprüchen oder Alltagsphilosophie garniert sind. Diese Sätze oder auch nur Satzfragmente verfremdet Zawrel mit eigenwilliger Orthografie und Grammatik und entstellt sie dadurch zur Kennlichkeit. Heraus kommen dann Gebilde wie "Steht der Tropfen holt der Stein" oder "Capre Diem - Lebe Dein Tag" oder auch nur "Gib Aids kein Chongse" und "Tut-Elch-Amun". Als hätte Kalauerkönig Willy Astor Pate gestanden ("Es dauerte nicht Lasagne").


Matte Scherze

Das ist fünf Sekunden lang nicht unlustig, nach drei oder vier Beispielen wirkt die Methode allerdings sehr schal, auch wenn der Dalai-Lama oder Paulo Coelho häufig auch nichts Profunderes von sich geben. Und viele Internetnutzer sollten sich über fremde Rechtschreibschwächen nicht allzu sehr beömmeln. Wer im Glashaus sitzt ... Auf die Idee sei er gekommen, so Willy Nachdenklich, als er ab Anfang 2015 einen Facebook-Auftritt unter Pseudonym ("Fake-Account") mit absichtlichen Rechtschreibfehlern betrieben habe. Auf einmal sei die Zahl der Likes in die Höhe geschossen.
Jeder kann 15 Minuten lang berühmt sein, postulierte Marshall McLuhan bereits vor 50 Jahren. Das studentische Publikum jedenfalls schien begeistert, kritisierte nichts und interessierte sich vornehmlich dafür, ob sich mit dergleichen Geld verdienen lässt. Es muss sich jede Generation wohl erneut Kriterien für Geschmack und Qualität erarbeiten, schreiben die Humorkritiker der "Titanic" resigniert angesichts der sehr schlichten Anlässe für juveniles Lachen. Als hätte es eine Neue Frankfurter Schule mit Robert Gernhardt, F. K. Waechter et al. nie gegeben. Auch die von Willy gelesene Geschichte, die bei einer Miniaturgolf-Weltmeisterschaft ihren Ausgang nahm und quer durch die Popkultur streifte von Neuer Deutscher Welle bis zur Area 51, erreichte nur mittleres Slam-Poetry-Niveau. Immerhin erinnern die Montagen auf der von Zawrel genannten Seite "Snickers für Linkshänder" an surrealistische Vorbilder. Noch ist nichts verloren.