Anna Lienhardt

Ganz am Ende des fast neunstündigen Prozesstages kamen die zwei Überraschungen. Erstens: Eine lange Latte mit Beschlüssen des Gerichts, sozusagen die Antwort auf zahlreiche Anträge, die die Verteidiger von Heinz W. gestellt hatte - unter anderem gegen die drei Sachverständigen, die von Anfang an dem Prozess beiwohnen.
Ergebnis: Prof. Dr. Arnulf Thiede hält die Zweite Strafkammer des Bamberger Landgerichts nicht für befangen, der Sachverständige Prof. Dr. Johannes Dietl wird nicht abgelehnt. Und Prof. Dr. Dieter Patzelt wird nicht durch einen anderen Sachverständigen ersetzt, den die Verteidigung vorgeschlagen hatte.
Außerdem möchte das Gericht darauf verzichten, einen sogenannten aussagepsychologischen Gutachter einzuholen. Dies hatte die Verteidigung von Heinz W. gefordert, weil sie die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Nebenklägerinnen in Frage stellt.
Ebenfalls zurückgewiesen wurde der Antrag der drei Chefarzt-Verteidiger auf Aussetzung der Hauptverhandlung. Dafür sah die Kammer die Voraussetzungen nicht gegeben.
Offenbar hatte der chirurgische Sachverständige Prof. Thiede in seinem schriftlichen Gutachten angedeutet - es wurde noch nicht in die Hauptverhandlung eingeführt - dass eines der mutmaßlichen Opfer von Heinz W. während einer Untersuchung in Lebensgefahr geschwebt haben könnte.
Zu Unrecht, wie es Chefarzt-Verteidiger Klaus Bernsmann darstellte. Thiede habe in seinem schriftlich vorgelegten Gutachten den Angeklagten eines versuchten Tötungsdelikts bezichtigt, was, da es nicht zutreffe, den Tatbestand der falschen Verdächtigung und/oder eines Ehrdelikts erfülle. Bernsmann erklärte für den Angeklagten Heinz W. (50): "Ich stelle deswegen Strafantrag." Es war ein Verhandlungstag, an dem sich der ehemalige Leiter der Gefäßchirurgie am Klinikum Bamberg wieder mehr in den Prozess einbrachte. Er löcherte den forensischen Toxikologe vom Institut für Rechtsmedizin in Erlangen mit Fragen. Dieser hatte im Januar an einem früheren Prozesstag schon einmal ausgesagt.
Der Rechtsmediziner hatte unter anderem Blut-, Urin- und Haarproben der Hauptzeugin untersucht, die das Missbrauchs-Verfahren gegen den ehemaligen Chefarzt ins Rollen gebracht hatte. Dabei hatte der Erlanger Fachmann in einer Probe der Hauptzeugin nicht nur sedierende Arzneistoffe festgestellt, sondern in geringer Menge auch Methadon, einen Heroin-Ersatzstoff. Dass dieser Befund "analytisch irrelevant" sei, hatte der Toxikologe, ebenfalls bereits im Januar, in einer schriftlichen Stellungnahme erläutert.


Erneut vor Gericht

Gestern musste er erneut vor Gericht erscheinen und den kompletten Verhandlungstag Fragen beantworten. Er kam stets zum selben Schluss: "Das Endergebnis ist, dass keine Amphetamine drin sind", so der sachverständige Zeuge. Die ursprünglich entdeckten Spuren seien so gering, dass sie unter einen Grenzwert fielen. Zudem gebe es zahlreiche körpereigene Stoffe, die Amphetaminen chemisch sehr ähnlich seien.
Jürgen Scholl, Anwalt der Hauptzeugin, sagte nach der Verhandlung auf FT-Anfrage: "Der sachverständige Zeuge hat gut erläutert, dass es Grenzwerte gibt, um festzustellen, ob relevante Mengen im Blut sind."
Scholl sieht keinen Beleg für Substanzen im Blut seiner Mandantin, die dort nicht hineingehört hätten - außer sedierenden Stoffen. Scholl spricht von Midazolam, mit dem der Angeklagte - laut Staatsanwaltschaft - zwölf junge Frauen betäubt haben soll. Nach der Ansicht von Scholl erklärt sich dadurch unter anderem der Gedächtnisverlust seiner Mandantin.
Chefarzt-Verteidiger Bernsmann sagt dagegen: "Dieses rechtsmedizinische Labor hat alle Anforderungen von Dokumentation und Transparenz aus unserer Sicht missachtet. Wir haben keine Klarheit erfahren." Es sei nicht nachvollziehbar, wie die Ergebnisse des Labors zustande gekommen seien.
"Nach unserer Meinung sollte ein unabhängiger Pharmakologe alle vorhanden Blut-, Harn-, und Haarproben untersuchen." Dies solle mit den vorhandenen Ergebnisse verglichen werden.