von unserem Mitarbeiter Markus Häggberg

Lichtenfels — Der Vorwurf wog schwer: Besitz kinderpornografischer Schriften. Am Dienstag musste sich ein 30-jähriger Lichtenfelser auf dem Amtsgericht auf eine mögliche Verurteilung gefasst machen. Schon einmal ist eine solche wegen des gleichen Vorfalls gegen ihn ergangen. Damals war die Beweislage klar, diesmal war sie es absolut nicht.
Staatsanwalt Stefan Jäger hatte Probleme mit den Erklärungen des Angeklagten: "Sie haben versucht, es drei Mal zu erklären - ich hab's noch immer nicht kapiert", so der Anklagevertreter. Wie die Zusammenhänge im Februar 2014 wirklich waren, ließ sich in der Hauptverhandlung in der Tat nur schwer nachvollziehen. Damals, so der Beschuldigte, habe er allerlei technische Gerätschaften miteinander synchronisieren wollen. Es galt, eine Software zum Laufen zu bringen, sie aufeinander abzustimmen. Dabei habe sich seine SD-Karte wohl selbständig und automatisch mit Daten aufgeladen, die nicht aktuell waren und aus einer Zeit stammen, für die er schon 2012 belangt worden war. "Es war ein Video, das schon gelöscht war", beteuerte der 30-Jährige.

Acht Minuten

Dieses gelöschte Video beinhaltete eine Filmsequenz von acht Minuten, in der ein nackter Junge sehr explizit gezeigt wurde. Mit dem Hinweis darauf, dass er die Datei schon gelöscht habe, suchte der Angeklagte das Gericht unter Vorsitz von Richterin Anja Wolf-Albrecht davon zu überzeugen, dass seine dunkle Vergangenheit hinter ihm liege. Da die "noch aus alten Bestand" stammende Datei nicht benamt war, habe er auch nicht gewusst, was sie beinhalte.
Die Beweisaufnahme begann mit einem Polizeibeamten, der auf derlei Fälle spezialisiert ist und Computer und Festplatten ermittelnd auswertet. "Es war ein Video, das gelöscht war", bestätigte er den polizeilichen Fund. "Es waren noch Daten auf der SD-Speicherkarte, die sich beim Löschen wieder aufgespult haben. Das passierte unbewusst", lautete eine weitere Beteuerung des 30-Jährigen. Allerdings warf sie bei Anja Wolf-Albrecht Fragen auf. "Es ist ja nicht so, dass es noch kein Verfahren gab", so ihr entgegnender Kommentar.
Der Lichtenfelser, der auch als Musikunterhalter tätig ist, schilderte ein weiteres Mal, dass er nicht gewusst habe, was in dem Datenordner gewesen sei. Eben darum habe er ihn ja zu seinem Musikordner "gezogen". Zwar wurde die Festplatte des jungen Mannes polizeilich beschlagnahmt, die SD-Karte aber nicht. Das räumte der als Zeuge aufgerufene Polizeibeamte ein. Somit ist bis dato auch nicht geklärt, ob die heute auf der Karte existierenden Bilder mit denen aus 2012 identisch sind.

Fundierte Kenntnisse

Die Kenntnisse, die der Angeklagte über Vorgänge auf Festplatten und Computern hatte, wirkten sehr fundiert. Er brachte während des Verfahrens allerlei Spielarten ein, wie und unter welchen Voraussetzungen die kritischen Daten unter welchen Umständen, Befehlen und Programmgegebenheiten auf seiner SD-Karten landen konnten. Anja Wolf-Albrecht und Stefan Jäger holten sich Rat bei dem Ermittler und der musste einräumen, dass es derlei Möglichkeiten gäbe. "So wie er es erzählt, kann man nicht ausschließen, dass was dran ist?", so Jäger. Er erntete ein Kopfnicken, welches andeutete, dass ein Restzweifel zugunsten der Unschuld des Angeklagten bestehe. Auch der Verteidiger des 30-Jährigen, Rechtsanwalt Peter Schmauser, klinkte sich ein und wollte von dem Ermittler wissen: "Herr Zeuge, ist das technisch möglich, was mein Mandant berichtet?" Auch ihm quittierte der Beamte ein Ja.
Einen Freispruch erhielt der Beschuldigte nicht. Stattdessen: "Ich schicke es der Staatsanwaltschaft zurück - zu Nachermittlungen", so die Entscheidung der Richterin. Das Verfahren wurde ausgesetzt und wird nach den Nachermittlungen wieder aufgenommen werden.