Ende 1992 erfährt die Frauenärztin Monika Hauser über die Medien von den Massenvergewaltigungen an bosnischen Frauen während des Balkan-Krieges. Sie fährt mitten ins Kriegsgebiet, um zu helfen. Gemeinsam mit rund 20 einheimischen Psychologinnen und Ärztinnen eröffnet sie im April 1993 in der Stadt Zenica das Frauentherapiezentrum Medica Zenica. Private Spenderinnen und Spender - darunter mit "Hilfe in Not. e.V." auch eine Hilfsorganisation aus Bamberg - sowie öffentliche Geldgeber haben den Anfang mit ermöglicht. Medica Mondiale ist eine professionelle Frauenrechts- und Hilfsorganisation mit Sitz in Köln geworden, Gründerin Monika Hauser nach wie vor die Chefin.


Preisträgerin

Mit ihrer Menschenrechts- und Aufklärungsarbeit kämpft Hauser weltweit gegen sexualisierte Kriegsgewalt und fordert nachdrücklich Geschlechtergerechtigkeit ein. Monika Hausers Engagement für Frauen in Kriegs- und Krisengebieten wird von Anfang an in der Öffentlichkeit wahrgenommen und mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Dazu zählen beispielsweise die Auszeichnung "Frau des Jahres" der ARD-Tagesthemen im Jahr 1993 und 2008 der "Right Livelihood Award" - bekannt auch als Alternativer Nobelpreis. Für ihren herausragenden Einsatz in Kriegs- und Krisengebieten erhält Hauser im November 2012 den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Mai 2013 nimmt sie den Nord-Süd-Preis 2012 des Europarates entgegen.
Heute Abend hält Hauser in Bamberg einen Vortrag: Tag für Tag sind Frauen und Mädchen, auf der Flucht oder im Auffanglager, sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Die traumatischen Erfahrungen prägen das Leben der Betroffenen. Medica Mondiale gibt den Frauen und Mädchen Halt und Stärke, zeigt Empathie und leistet medizinische und juristische Hilfe. Monika Hauser berichtet aus der langjährigen Geschichte von Medica Mondiale und veranschaulicht die aktuelle Projektarbeit und ihre politische Arbeit an Beispielen aus dem Nordirak, Afghanistan oder der Demokratischen Republik Kongo.

Frau Hauser, in Kabul oder Zenica sitzt Ihnen gerade eine traumatisierte Frau gegenüber. Was sehen Sie?
Zuallererst sehe ich eine Person, der meine ganze Solidarität gilt, weil sie schwerwiegendste Menschenrechtsverletzungen überlebt hat. Wichtig ist mir, den Frauen in Gesprächen vor Ort respektvoll, zugewandt und mit dem Wissen um das Erlittene zu begegnen.
In den Beratungsstellen von Medica Mondiale arbeiten die Therapeutinnen und Beraterinnen nach dem stress- und traumasensiblen Ansatz. Dabei geht es darum, der Klientin Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Diese Frauen haben extrem gewalttätige Erfahrungen gemacht, die in hohem Maße seelisch belastend sind und begleitet werden von einem massiven Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühl. Das kann sich in Symptomen wie Zittern, Übererregbarkeit, Überwachheit, erhöhte Schreckhaftigkeit, Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen äußern. Aber die Frau kann auch sehr distanziert wirken, weil sie das Erlebte abspalten muss.

Nach 20 Jahren derartiger Erlebnisse - kriegt man Frust? Wird man zynisch?
Als Feministin muss ich eine hohe Frustrationstoleranz haben, trotzdem ist es ist sehr mühsam, immer wieder neu Bewusstsein schaffen zu müssen. Zum Beispiel, wenn ich mit einem Politiker spreche und der mich fragt, ob unser Engagement immer noch nötig sei, wo doch der Bosnienkrieg schon so lange her ist. Das zeigt mir, dass das Bewusstsein einfach immer noch nicht da ist und die Politik hier keine Verantwortung übernimmt.

Sie rücken sexualisierte Kriegsgewalt gegen Frauen in fernen Ländern und fremden Kulturen immer wieder in den Blickpunkt der Medien. Was können wir von Deutschland, von Bamberg aus verändern?
Mein Anliegen ist, auch immer die Brücke nach Deutschland zu schlagen. Gewalt ist auch hier ein großes Thema. Die rechtliche Gleichstellung ist per Grundgesetz definiert, trotzdem sind die Frauenhäuser voll. Die Zahlen zum Vorkommen von sexualisierter Gewalt sind auch hierzulande sehr hoch. Wir können nicht nur nach Afghanistan oder in die DR Kongo schauen, wir haben auch hier noch viel zu tun beim Thema Geschlechtergerechtigkeit. Dazu brauchen wir uns bloß das Beispiel des Chefarztes des Bamberger Klinikums oder des Realschullehrers aus Unterfranken (wurde wegen Sex mit einer 13-Jährigen zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt - Anm. d. Red.) anzuschauen - beiden wird sexualisierte Gewalt vorgeworfen.

Sie kritisieren, dass auch deutsche und EU-Politiker "nicht unbedingt gesteigertes Interesse" zeigten, wenn es um Frauen als Kriegsopfer gehe. Sind Politikerinnen da solidarischer als ihre männlichen Kollegen?
Ursula von der Leyen setzt als Verteidigungsministerin, ähnlich wie ihre Vorgänger, leider andere Schwerpunkte und reagiert auf sexualisierte Gewalt innerhalb der Bundeswehr erst, wenn es öffentliche Skandale gibt - anstatt endlich Präventionsarbeit zu leisten. Manuela Schwesig hingegen geht diesen präventiven Weg. Als Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat sie 2016 ein Gewaltschutzkonzept für geflüchtete Frauen erstellt und eine Aufarbeitungskommission zur Aufklärung und Verhinderung von "sexuellem Missbrauch" im familiären Kontext eingesetzt.

Als der damalige Bundespräsident Roman Herzog Ihnen 1996 das Bundesverdienstkreuz verleihen wollte, lehnten Sie ab. Sie protestieren damit gegen den Beschluss der Innenminister, bosnische Flüchtlinge notfalls mit Gewalt in ihre Heimat zurückzuführen. Aktuell werden Flüchtlinge nach Afghanistan zwangsrückgeführt. Kämpfen Sie seit zwei Jahrzehnten gegen Windmühlen?
Ich kämpfe gegen Ignoranz und menschenverachtende Politik. Eine solche rein von wirtschaftlichen und parteipolitischen Interessen geleitete Politik ist nur möglich durch Politiker und Politikerinnen, die sich nicht ihren eigenen transgenerational bedingten Abspaltungen stellen. Schuld und Leid aus zwei Weltkriegen sind emotional kaum bearbeitet worden. Wie sonst wäre es möglich, zwischen den traumatisierenden Fluchterfahrungen der Eltern und Großeltern und jenen von heute vor Krieg geflohenen Menschen keinen Bezug herzustellen?
Es gibt viele wie mich, die das nicht mehr hinnehmen, sondern ihre zivilgesellschaftliche Verantwortung übernehmen - diese Kraft ist der wirkliche Fortschritt unserer Gesellschaft.

Die Fragen stellte Timo Stöhr