Lichtenfels — Geht es nach Rechtsanwältin Katharina Steffen, so soll das Urteil gegen einen 21-jährigen Asylbewerber keinen Bestand haben. Berufung soll eingelegt und der Richterspruch wegen versuchten Diebstahls revidiert werden.
Auf rund 200 Euro belief sich ein Strafbefehl, der gegen einen jungen Albaner erging, weil er am 19. Mai in einem Lichtenfelser Supermarkt Anstalten zu einem Diebstahl unternommen haben soll. Einer Michelauer Rentnerin soll er dabei, als diese Waren zugewandt war, mit Absicht in die Tasche zu fassen versucht haben. Kurios an dem Umstand: Das Beinaheopfer bekam nichts davon mit, der Marktleiter eigenen Angaben zufolge umso mehr. Doch der durfte sich von Steffen Belastungseifer vorwerfen lassen. "Heute ging es ihm darum [...] jemanden - ich möchte nicht sagen, aus welcher Gesinnung heraus - bestraft zu sehen."
Der Marktleiter brachte im Zeugenstand seinen Bericht zumindest frei von Emotionalität vor Richter Ortwin Jaunich und Staatsanwältin Daniela Möhrlein vor. "Ich sah [...], wie ein Mann sich lang gemacht und von oben in die Handtasche geschaut hat. Dann hat er einen langen Arm und die Hand spitz gemacht", so der 47-Jährige, wobei er gestisch diesen Arm nachformte und auf dem Stuhl sitzend auch einen langen Hals machte. Als Grund dafür, weshalb er überhaupt ein Augenmerk auf den Angeklagten hatte, nannte er einen schon vorher durch seinen Vorgesetzten geäußerten Rat, ein Auge auf den Mann und seine beiden Begleiter zu haben. Also habe er aus sicherer Position beobachtet.
Dass der Beobachtete dabei ein Gespräch mit der 65-jährigen Rentnerin gesucht habe, schloss der Marktleiter aus. Darin aber lag die Verteidigung des Beschuldigten, der über Dolmetscherin davon berichtete, dass er an der Rentnerin auf dem Weg zu einem anderen Artikel vorbeigehen wollte, aus Platzgründen aber nicht vorbei kam. Dann habe er den Arm gehoben, um die Frau anzufassen und ihr somit zu bedeuten, dass er passieren wolle. Aber nur weil er sich nicht sicher gewesen sei, ob das Anfassen einer Frau im hiesigen Kulturkreis angemessen ist, habe er den Arm gesenkt.


Widersprüchliche Angaben

Ein Schlag gegen die Glaubwürdigkeit erhielt der Angeschuldigte im Verlaufe des Verfahrens aber noch durch eine Polizistin, die erzählte, der Verdächtige habe bei der Vernehmung widersprüchliche Angaben gemacht. Auf eine bestimmte Person angesprochen, habe dieser angegeben, jenen nicht zu kennen, sei mit diesem aber gesehen worden. Die Michelauer Rentnerin blieb bei ihrer Aussage, wonach sie von nichts etwas bemerkt habe. Als sie aufgefordert wurde, zu demonstrieren, wie und in welcher Höhe sie ihre Handtasche, bei der es sich zufällig um die handelte, welche sie dabei hatte, zu halten pflegt, führte die Gefragte eine Position vor, bei der es nicht leicht wäre, hineinzugreifen. Dennoch sah Staatsanwältin Möhrlein nach all dem Erbrachten den Vorwurf des versuchten Diebstahls als begründet an. Speziell der Marktleiter, weil er beobachtet und nicht nur gesehen habe, sei glaubwürdig. Der Schuldspruch durch Jaunich erfolgte, wobei dieser eine Geldstrafe in Höhe von 300 Euro gegen den Verurteilten aussprach. Die Angaben des 21-jährigen Albaners, wonach er nur zu einer Berührung den Arm erhoben haben wollte, wertete Jaunich als "plumpe Schutzbehauptung". MH