Als die schmale Passage nahe einem felsigen Abhang zu begehen war, goss es in Strömen. Ein Bild wie aus dem Urwald. Wohl selten sieht man sich Menschen mit Regenschirmen gruppenweise im Wald aufhalten, am Sonntagnachmittag aber war dem so. Die Umweltstation Weismain bot im Zusammengehen mit der Forstverwaltung und der KIS (Kultur-Initiative) Bad Staffelstein unter dem Titel "Faszination alte Bäume" einen geführten Waldspaziergang an, der durch einen letzten Rest Wildnis führte.


Schon Napoleon überlebt

Hermann Hacker ist Förster. Ein kunstsinniger dazu und überdies empfänglich für das, was die Natur nie gefragt wird. Beispielsweise, ob ein Baum wohl spürt, wenn man ihn berührt. Oder ob er Sinne hat und kommuniziert. Und jetzt stand man im Klosterwald unter Riesen, die 40 Meter voneinander entfernt waren und sich in ihren Kronen doch berührten, höchst stämmige Bäume, die schon Napoleon überlebten und in wittelsbachischem Besitz wurzeln.
Rund 30 Wanderer sollten sich für etwas mehr als eine Stunde in die Gefolgschaft nach Eindrücken begeben, kurz unterhalb von Kloster Banz rechts nach Süden einschwenkend, 6,04 Kilometer von Vierzehnheiligen und 1,47 Kilometer von Hausen entfernt.
Wie ein Dom wirkt der Eingang zu diesem Abschnitt des Klosterwaldes, mit freiem Raum unter einem hohen Buchenblätterdach. Doch was so friedvoll anmutet, ist Ergebnis eines Verdrängungswettbewerbs. "Die Buche verträgt sehr viel Schatten und wird somit zum Verdränger anderer Arten", erklärt Hacker. Aber dennoch ist das, was hier steht, Urwald genug, auch wenn in Mitteleuropa theoretisch 50 Baumarten heimisch wären.
Weil die Bäume hier auch über Jahrhunderte verrotten dürfen und sie sich so in den Kreislauf des Vergehens und Entstehens fügen. Es sei kein Nutzwald, den die Familie Wittelsbach hier besitzt und betreibt, erklärt Hacker. Denn mit 20 Jahren, ungefähr, sei ein Baum "hiebsreif" und was hier steht, "war schon bei der Säkularisation 1803 als 50-Jähriger dabei". Und was hier stirbt, so Hacker weiter, diene den Tieren als Biotopbaum und Unterschlupf, sowie kommender Flora als Dünger. Es gießt, der Untergrund wird rutschig. Menschen halten sich an den Händen und verschaffen sich so Sicherheit, Schirme werden aufgespannt und Kapuzen über den Kopf gezogen. Aber die Gruppe bleibt beieinander, niemand verabschiedet sich ob des Regens.
Die Waldspaziergänge mit Hermann Hacker sind von philosophischer Natur. Im besten Sinne, denn die Philosophie ist auch die Mutter der Wissenschaft. Sachliche Fragen stellen konnten die Wanderer, die der Förster auch durch das Unterholz führte, jederzeit. Zu Pflanzenarten, Wuchs, Lebensdauer, Verbreitungsgebieten. Aber neben allerlei Faktischem kam auch das Betrachtende nicht zu kurz, beispielsweise über den Umgang des Menschen mit der Natur. In solchen Momenten kann Hacker zwischen Enttäuschung und Sarkasmus lavieren, wenn er davon spricht, dass "der Mensch den Wald in Flurnummern unterteilt" und somit zu regulieren sucht, was größer ist als er selbst. Bestes Infotainment über Stock und Stein und Wurzelwerk.