Marco Meissner

Wenn die ältere Dame mit Tanja Hanna und Julia Grünbeck redet, hat es ein wenig von einem Gespräch zwischen Mutter und Töchtern. Es wird geflachst und herzlich miteinander umgegangen. Die beiden jüngeren Frauen, welche der Seniorin beim zu Bett gehen helfen, sind aber keine Verwandten. Sie arbeiten in der Altenpflege. Ein Beruf, der angesichts der Demografie immer wichtiger wird. Aber auch ein Beruf, der mit Nachwuchs- und Fachkräftemangel kämpft.
Geschäftsführer Rainer Schreier und Einrichtungsleiter Roland Funk erklären bei einem Gespräch im ASB-Seniorenzentrum Rothenkirchen, dass Jobs in der Pflege vor sieben, acht Jahren noch stärker nachgefragt waren. "Da hatte man Sicherheit", betont Schreier. Heute würden Sicherheit und Geld eher in der Industrie gesucht. Dabei werde in der Pflegebranche nicht schlecht gezahlt. Sie biete auch Entwicklungsmöglichkeiten und angesichts der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eine gute Zukunftsperspektive, wie Funk ergänzt. Schreier malt das Bild von den Pflegeberufen aber nicht rosarot.
"Wir werden im Vergleich zu anderen, zum Beispiel Industrie und Handwerk, extrem politisch gesteuert", ärgert er sich. An fünf Punkten macht er die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Personalsuche fest. Da wäre die Ausbildungsumlage. Die Mehrkosten für Ausbildungsbetriebe müssten auf die Bewohner der Heime umgelegt werden. "Wer nicht ausbildet, wird im Preis also niedriger liegen", schimpft Schreier über eine Wettbewerbsverzerrung. Ein Ausbildungspool wie in Nordrhein-Westfalen, der alle gleichermaßen in die Pflicht nimmt, könnte seiner Ansicht nach für Abhilfe sorgen.
Der zweite Kritikpunkt: die rasante Entwicklung in der Gesetzgebung, die unablässig die Anforderungen nach oben schraube. Ein dritter Aspekt: Fehlleistungen würden sofort skandalisiert, auch wenn es sich dabei um Einzelfälle handele. Dann breche in der Politik hektischer Aktionismus aus, statt mit ruhiger Hand zu handeln. So stünden Auszubildende heute vor der Problematik, dass es inmitten der Ausbildung zu grundsätzlichen Änderungen für ihr Berufsbild kommen könne. Das verunsichere.
Auch die Patienten und Angehörigen tragen laut Schreier einen Teil dazu bei, dass der Druck auf das Pflegepersonal wächst. "Wir sind absolut kritikfähig", hält er fest. "Aber was auffällt, ist die Zunahme an aufgebauschten Reaktionen wegen Kleinigkeiten." Das Anspruchsdenken sei heute enorm groß.
Schließlich sieht der ASB-Geschäftsführer allgemein einen härter werdenden Kampf der Branchen um jeden Azubi. "Wir dürfen fast froh sein, überhaupt jemanden abzubekommen, weil die Industrie richtig Gas gibt."
Durch die gerade für Frauen mit Kindern recht ungünstigen Arbeitszeiten habe die Pflege hier einen eindeutigen Wettbewerbsnachteil. "Wir bräuchten mehr Kinderbetreuungsplätze für Schichtarbeiter", wünscht sich Schreier eine Verbesserung der Situation.
Eine andere Alternative, dem drohenden Mangel an Pflegepersonal zu begegnen, könnten ausländische Kräfte sein. "Es gibt Überlegungen, wir sehen das aber durchaus kritisch", erklärt Funk. Nicht zuletzt die Sprachbarriere lässt ihn zweifeln, ob so das Qualitätsniveau gehalten werden könnte. Dennoch müsse man sich laut Schreier vorausschauend auch mit diesem Thema befassen. Zunächst setzt der ASB aber auf die Ausbildung eigener Kräfte. Momentan lässt sich das Ziel von zwei Auszubildenden pro Jahr noch erfüllen, noch ...