von unserer Mitarbeiterin Janina Reuter

Haßfurt — Mit das Schlimmste für ein Kind ist es wohl, einen geliebten Menschen zu verlieren. Drei Mädchen aus dem Landkreis ist dieses schlimme Schicksal widerfahren. Alle drei haben jeweils ihren Vater durch tragische Unfälle verloren. Um das Geschehene zu verarbeiten, haben sie an einem Kindertrauerkurs des Malteser Hilfsdienstes in Haßfurt teilgenommen.
Bei acht Gruppentreffen lernten die Mädchen durch die Unterstützung der Trauerbegleiterinnen Traudel Schulz und Anette Müller, mit dem Tod ihrer Väter umzugehen. Bei einem Abschlusstreffen mit ihren Müttern und den Trauerbegleiterinnen reflektieren die Kinder, was sie aus dem Kurs mitgenommen haben und wie die Gruppenstunden abliefen.

Gemeinsam trauern

Vorab gab es einen Kennenlern-Nachmittag, bei dem die Mütter der Kinder mit dabei waren. Die Mütter wollen natürlich wissen, was die Kinder in den Stunden erwarten wird. "Bei den Gruppenstunden sind die Kinder unter sich", sagt Anette Müller. "Kinder, die einen Elternteil verloren haben, wollen Normalität. Sie sind aber nicht in der Normalität drin. Sie wollen nicht besonders behandelt werden, sind aber etwas Besonderes. Deshalb wissen viele nicht, wie man mit diesen Kindern umgehen soll."
Treffen für Treffen gab es einen gemeinsamen Auftakt: "Jeder hat mit einem Smiley-Gesicht ausgedrückt, wie es einem gerade geht", erinnert sich ein Mädchen. Mit dieser symbolischen Geste konnten die Betreuerinnen abschätzen, wie die Stimmung in der Gruppe war und in welche Richtung sich eine Stunde entwickeln würde.
"Dann haben wir immer erzählt, was uns in der vergangenen Woche alles passiert ist, was wir erlebt haben - auch in Bezug auf unseren verstorbenen Papa", sagt ein anderes Mädchen. "Wir haben immer über jemanden geredet, der nicht mehr da ist. Wir haben den Mädchen Tipps an die Hand gegeben, wie sie im Alltag damit umgehen können, dass ihre Väter gestorben sind - auch in der Schule", sagt Traudel Schulz. Wichtig in den Sitzungen war auch, die schönen Erlebnisse, Gedanken - all "unsere schönen Erinnerungen an unsere Papis, an die gemeinsamen Urlaube oder an Dinge, die wir uns gewünscht haben, als Papi noch lebte", sagt das dritte Mädchen - hervorzuheben.

Besuch auf dem Friedhof

In einer Einheit sollten die Kinder aufschreiben, "wie sie sich den Himmel vorstellen und wo sie denken, dass ihr Papa im Himmel ist, damit sie eine Vorstellung und Bilder im Kopf haben", sagt Schulz. Zum ersten Weihnachtsfest ohne den Vater haben die Mädchen Laternen gebastelt - "als Zeichen dafür, dass ihr Papa im Licht steht". An einem gemeinsamen Nachmittag haben alle einen Gegenstand - irgendeine Sache - mitgebracht, die sie von ihrem Vater geschenkt bekommen haben. "Sie gehen ganz vorsichtig mit diesen Dingen um, da ihnen klar ist, dass man sie nicht mehr ersetzen kann. Weil sie nie mehr etwas von ihrem Papa geschenkt bekommen werden", sagt Anette Müller.
Zu der Trauerarbeit zählte auch der Besuch auf dem Friedhof: "Wir haben die Kinder ermutigt, dass sie ans Grab gehen, um dort alles loszuwerden, was sie bedrückt", sagt Anette Müller. "Sie haben gelernt, dass ihr Papa im Herzen immer bei ihnen ist, und auch, dass sie darüber reden können und dürfen", erklärt die Trauerbegleiterin.
Nicht nur die Trauer und der Schmerz standen in den Gruppenstunden im Vordergrund. Die Mädchen haben miteinander gespielt, gebastelt, einen Ausflug unternommen. Die geleistete Trauerarbeit in der Gruppe konnte dann auch auf das Zuhause der Kinder übertragen werden: "Wir haben zu Hause eine Art Altar für Papa hergerichtet. Dort steht ein Bild von ihm und dort liegt ein Buch. Das ist quasi Papas Briefkasten. Ich schreibe dort immer Sachen rein, die ich ihm gerne erzählen möchte. Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, setze ich mich dort auf den Sessel vor Papas Bild und erzähle ihm etwas. Papa ist noch da, er hat aber jetzt einen anderen Platz", erzählt eines der Mädchen.

Trauer im Alltag

Häufiges Thema war auch, wie man in der Schule mit dem Schicksal umgeht. "Ich wollte einfach Normalität und keine Sonderbehandlung. Ich wollte auch nicht vor der Klasse darüber sprechen. Kurz nach dem Tod Papas habe ich ein Buch von der Klasse bekommen, in das jeder Mitschüler etwas geschrieben oder gemalt hat. Das hat mir gezeigt, sie sind für mich da und das war auch wirklich okay so", sagt ein Mädchen.
"Die Kinder haben meine Tochter wie immer behandelt. Das Problem waren eher die Erwachsenen, die nicht wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten, weil der Tod bei Erwachsenen immer noch eine gewisse Schwelle darstellt", sagt eine der Mütter. Eine andere Mutter erinnert sich an die Zeit direkt nach dem Tod ihres Mannes: "Ich habe jemanden gesucht, dem es genauso geht, der in meinem Alter ist. Leute, die mich verstehen, ohne dass ich etwas sagen muss."
Durch Zufall lernte sie Anette Müller kennen. Am Anfang konnte sich ihre Tochter nicht vorstellen, mit einem Fremden über den Tod zu sprechen, "aber der Funke zu Anette Müller ist sofort übergesprungen", erinnert sich eine Mutter. Es sei wichtig, dass die Kinder trotz Trauer und Verlust noch Freude und Spaß am Leben haben. Trauer sei keine Krankheit, sondern eine natürliche Reaktion auf Verlust. Nach dem Kurs soll allen Beteiligten klar sein, dass "es wichtig ist, dass die Kinder trauern und weinen dürfen - ohne ihnen gleich hinterherzurennen. Sie wollen einfach kurz alleine sein", sagt Anette Müller.