Bamberg/Bayreuth — Ach, das Kniebänkchen! Zwar soll, kann und darf in einem zeitgemäßen Museum so manches virtuell sein. Aber dass in der sogenannten Schatzkammer des neuen Bayreuther Wagnermuseums vor der Vitrine der originalen "Tristan"-Partitur kein Andachtsmöbel stehen wird, ist arg. Oder nicht? Sven Friedrich, der zuständige Archiv- und Museumsdirektor, ist im Umgang mit derlei Fragen gestählt: "Ironie ist der einzig mögliche Zugang zu Wagner."
Das zu glauben, fiel den begeisterten Zuhörern beim Richard-Wagner-Verband im Hotel Bamberger Hof auffallend leicht. Denn der Chef des Museums, das am 26. Juli offiziell wiedereröffnet wird, erläuterte die mit Imponderabilien aller Art gespickten Restaurierungsarbeiten, Neu- und Einbauten in und um Richard Wagners Villa Wahnfried mit so viel drastischen Worten, Esprit, traurigen Wahrheiten und Witz, dass zwei Stunden wie im Flug vergingen.
Nicht umsonst begann und endete Friedrich mit kulturpolitischen Aussagen. Sätze wie "Kein Politiker wird gewählt, weil er kulturaffin ist" und "Demokratie heißt, man muss aushalten, dass stets Leute entscheiden, die nichts von der Sache verstehen" verdeutlichten, dass selbst, nein gerade das Wagner-Museum in Bayreuth ständig kämpfen muss. Unter anderem, weil Wagner mit seinem ideologischen Kunstanspruch und seinem Antisemitismus nicht gerade attraktiv ist für weltweit operierende potenzielle Sponsoren.
Doch es wurde eine Lösung gefunden, wie und wo man den "unappetitlichen Wagner" unterbringt: im angrenzenden Siegfried-Wagner-Haus. Insgesamt soll das 20-Millionen-Projekt ein Solitär sein unter den Komponisten-Museen. Und kein "Ärgersheim", wie Richard und Cosima Wagner ihr künftiges Zuhause nannten, als es 1873/74 mit viel Differenzen und Pannen errichtet wurde.
Was erst recht für das aktuelle Projekt galt. Eine zentrale Frage war unter anderem die nach der Authentizität. Denn Wahnfried samt Anbauten und Nebengebäuden wurde im April 1945 durch Bomben so stark zerstört, dass auf seiner Gartenseite nur ein kleiner Teil der originalen Fassade noch erhalten ist. Dass die nach der Gründung der Richard-Wagner-Stiftung 1973 restaurierte und 1976 als Museum wiedereröffnete Villa unter Denkmalschutz gestellt wurde, sei aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar.

Kein Wagner-Disneyland

Im neuen Wahnfried, wo Leben und Werk Wagners im Zentrum stehen, bleibt also nicht alles beim Alten. Rekonstruiert wurden im Erdgeschoss die Raumschalen - Decken, Wände, Böden und das Treppenhaus sind so wiederhergestellt, wie es etwa 1881/82 war. "Wir haben abgelehnt, Mobiliar nachzubauen, denn das entwertet alles Originale." Kein historistisches Wagner-Disneyland also: "Was alt aussieht, ist original und steht an der richtigen Stelle, die Kronleuchter sind modern."
Der von Volker Staab entworfene, tief in den Garten reichende Neubau enthält den neuen Museumszugang, eine Allzweckhalle und zeigt im Untergeschoss wichtige Exponate der Festspiel- und Inszenierungsgeschichte. Das in den 1890er Jahren erbaute Siegfried-Wagner-Haus ist der Ort, wo der ideologische Wagner abgehandelt wird: "Es geht nicht, Hitler, der hier mit Familienanschluss ein- und ausging, beiseite zu lassen. Wahnfried konnte was für seine Zerstörung", so Friedrich.
Die von Hitlerfreundin Winifred Wagner im Geist der Zeit ausgestatteten Räume aus den 1930er-Jahren sprächen für sich, Informationen dazu lieferten Texte, Bilder und Filme auf Blockmonitoren - eine "nationalsozialistische Geisterbahn". Bleibt noch anzumerken, dass Sven Friedrich in einer früheren Phase an dieser Stelle die Museumsgastronomie eingeplant und für Irritationen gesorgt hatte, als er in einem Interview davon sprach, dass man mit Bratwürsten das Siegfried-Wagner-Haus humanisieren könne". rg

Weitere Informationen unter www.wagnermuseum.de