Cathérine Sykosch

Vor 13 Jahren im November war die damals 17-jährige Nadine Schmidt mit ihren Freunden mit dem Auto auf dem Weg in eine Diskothek. Als das Fahrzeug ins Bankett geriet, verlor die Fahrerin die Kontrolle über ihr Fahrzeug, sie überschlugen sich. Nadine Schmidt war damals Beifahrerin. Sie befreite sich aus dem Wrack, um Hilfe zu holen, da sie dachte, ihre Freunde seien verletzt und eingeklemmt.
Sie eilte zum ersten Fahrzeug, das an der Unfallstelle anhielt. "Der Mann im Auto sagte nur: Ich habe Hilfe angefordert, aber bitte gehen Sie weg", erzählt Nadine, "ich habe anfangs nicht verstanden, warum der Mann so war." Nachdem sie ans Fahrzeug zurückgekehrt war, kamen ihr die Freunde schon entgegen und waren entsetzt: "Nadine, was hast du?"


In Ohnmacht gefallen

Als sie im Scheinwerferlicht ihre weiße Hose sah, erklärte sich für Nadine alles. "Es war überall Blut, dann habe ich in mein Gesicht gefasst. Anfangs dachte ich, es wäre vom Regen und dem Schmutz. So war es aber nicht. Dann bin ich in Ohnmacht gefallen und erst wieder im Krankenwagen zu mir gekommen", erklärt die junge Frau.
Der Befund: Die linke Gesichtshälfte war komplett entstellt und übersät mit Schnittwunden. "Meine Stirn war wie in zwei Hälften getrennt", sagt Nadine, "und mein Augenlid war komplett zerfetzt."


Eine Welt bricht zusammen

In der Uni-Klinik Erlangen sagte ein Arzt: "Sie werden Ihr Leben lang Narben im Gesicht haben." Für Nadine brach eine Welt zusammen. Sie war sogar für die Miss-Bayern-Wahl qualifiziert, die einen Monat nach dem Unfall stattfinden sollte. "Für mich war es das Ende. Ich hatte Angst, dass ich mein Leben lang entstellt bin", gesteht Nadine. In der Notfallambulanz wurde sie damals erstversorgt. In der Augenklinik überprüften die Ärzte ihre Sehkraft. Da das Lid so zerfetzt war, schloss man eine Verletzung des Auges nicht aus. Letztendlich bestätigten die Ärzte, dass ihr Auge verschont geblieben sei. Dort wurde dann auch ihr zerfetztes Augenlid nachgebessert, das in der Notfallambulanz bereits genäht worden war. "Ich wurde insgesamt neun Stunden genäht", berichtet Nadine.


Psychische Belastung

Die Zeit nach dem Unfall sei eine starke psychische Belastung gewesen. "Ich war selbstmordgefährdet. Wenn meine Eltern damals nicht gewesen wären, gäbe es mich heute nicht mehr", beschreibt die Wichsensteinerin ihre damalige Verfassung, "Sie glauben gar nicht, wie viele Spiegel ich in dieser Zeit zerstört habe. Ich wollte mich nicht mehr sehen."
Erst als Nadine ihren jetzigen Mann kennenlernte, wandelte sich ihre Stimmung. "Er hat mich immer unterstützt und er sagte immer: Ich nehm dich so wie du bist, egal ob du Narben hast", erzählt Nadine, "er hat mich dazu gebracht weiterzumachen." Sie schloss damals nicht nur ihre Ausbildung als Zahnarzthelferin sehr gut ab, sondern machte auch ihren Führerschein.
Den Heilungsprozess ihrer Narben im Gesicht unterstütze sie mit einer Ultraschallbehandlung bei einem wöchentlichen Termin bei einer Kosmetikerin. "Die Kosmetikerin hat mir Narben-Gel aufgetragen und danach wurde das Gel mit Ultraschallwellen unter die Haut gearbeitet", erklärt Nadine. Die Behandelnde ist dann aber weggezogen.
"Das war dann für mich der Auslöser für die Ausbildung als staatlich anerkannte Kosmetikerin", sagt Nadine. Mit 20 Jahren hat die Verunglückte zwei abgeschlossene Ausbildungen und stand mit beiden Beinen im Berufsleben. "Ich habe die Kosmetikausbildung sogar mir 1,0 abgeschlossen", freut sich die zweifache Mutter.


Eigenes Studio eröffnet

Während ihrer Berufszeit hat sie an vielen Weiterbildungen, vor allem im Bereich der medizinisch-kosmetischen Behandlung, teilgenommen. 2010 mit 25 Jahren eröffnete Schmidt ihr eigenes Studio. "Ich glaube, ich bin in der Fränkischen Schweiz so ziemlich die Einzige, die solche Behandlungen macht", behauptet Nadine.
Mikrodermabrasion und Mikroneedling sind ihr Steckenpferd. Mikroneedling ist ein Verfahren, bei dem zuerst ein Gel, das mit Hyaluronsäure versetzt ist, auf die betroffene Stelle aufgetragen wird. Anschließend werden mit einem nadelbesetzten Roller tausende winzige Wunden verursacht. Das regt die Haut an, sich selbst zu regenerieren. Totes Gewebe wird abgestoßen.
"Narben sind ja nichts anderes als totes Gewebe, so wird das Hautbild wieder verfeinert und Narben verschwinden nahezu", erklärt Nadine. Sie selbst habe diese Behandlung bei sich selbst angewendet und bezeichnet diese als die effektivste.


Eine Verwandlung

Die heute 30-Jährige hat nochmals zwei OPs am Augenlid über sich ergehen lassen müssen. Ihre Verwandlung ist jedoch bewundernswert. Die Entstellung ihrer linken Gesichtshälfte ist kaum noch erkennbar. "Manchmal verändert ein Schicksalsschlag das ganze Leben und ich ging dadurch einen ganz anderen Weg, an den ich vorher niemals gedacht hatte", resümiert Nadine, "früher wollte ich zur Polizei, jetzt bin ich Kosmetikerin und weiß, dass ich anderen Menschen helfen kann."
2009, vier Wochen nach der Geburt ihrer Tochter, machte sie bei "Forchheim Topmodel 2009" mit und belegte dabei den ersten Platz. "Das war gut für mein Selbstbewusstsein", freut sich Nadine.