V or gut zwei Wochen kamen die Umzugswagen, rollten die Kleinbusse von Ditterswind nach Ebelsbach und Zeil. Das alte Schloss im Dorf war in die Jahre gekommen, nicht mehr zeitgemäß, zu groß, den Anforderungen an eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung nicht mehr gewachsen - zu teuer wäre eine Renovierung
geworden.
Die neuen dezentralen Häuser im Maintal, besser an den Verkehr und die Infrastruktur angeschlossen, sind modern und zukunftsträchtig, Café, Eisdiele, und der Bus schier einen Katzensprung entfernt. In Ditterswind gab es das alles nicht, nur die Kirche war gleich über der Straße. Und wenn sie zum Gottesdienst läutete, kamen etliche vertraute Gesichter aus dem Schloss herüber und feierten die Gottesdienste mit, nicht immer nur in stiller Andacht, nein, zuweilen mit einem fröhlichen Gruß oder einem lauten Liedwunsch auf den Lippen. Gestört hat das keinen, es war uns vertraut, die Bewohner des Schlosses gehörten dazu, wir gehörten
zusammen.
Ich weiß allerdings auch, dass es seine Zeit gebraucht hatte, bis die Menschen, die so anders sein konnten, ihren Platz in der Gemeinde, in den Herzen der Ditterswinder gefunden hatten. Berührungsängste waren zu überwinden, Vorurteile abzubauen und Kontakte zu finden.
Diese Zeit des Zusammenwachsens ist allerdings schon einige Jahrzehnte her und nur die Älteren können sich noch an die "Startschwierigkeiten" erinnern. In den vergangenen über 40 Jahren sind sie längst dem vorurteilsfreien und selbstverständlichen Miteinander gewichen, nicht zuletzt, weil die Christenmenschen hier ihren Glauben und das Liebesgebot Christi ernst
nehmen.
Im Blick auf die Zukunft bekommt die Jahreslosung noch einmal eine ganz besondere Konkretion: Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob! (Römer 15,7) Das Ausrufezeichen am Ende gehört nicht ursprünglich zum Text der Lutherbibel, das habe ich hinzugefügt, als Bitte und Aufforderung an alle Menschen mit und ohne Behinderung in Ebelsbach, Zeil und später in Ebern: Nehmt einander an!
Unsere "Schlösser", auch wenn sie nun nicht mehr im Schloss wohnen, liegen uns am Herzen. Und wir wollen, dass es ihnen und ihren Mitmenschen gut geht miteinander.

(Wolfgang Scheidel ist evangelischer Pfarrer in Ditterswind).