von unserem Mitarbeiter Peter Schmieder

Haßfurt — Was Walter Schilling und Monzer Abo Riyah verbindet, ist eine besondere Freundschaft. Als Hausmeister in einer Asylbewerberunterkunft in Haßfurt lernte Walter Schilling, 62, den 36-jährigen Syrer kennen. Seit Weihnachten ist Monzer in Haßfurt, seit kurzem ist er als Asylant anerkannt und konnte auch seine Familie zu sich holen. Doch bis dahin war es ein langer Weg.


Abenteuerliche Flucht

Seine Flucht begann am 27. August 2014 und führte ihn erst in den Libanon. Von dort aus ging es mit dem Flugzeug weiter nach Algerien, wo er vier Tage bei einem algerischen Freund verbrachte. Von dort fuhr er, zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen, mit dem Auto nach Tunesien und von dort aus weiter nach Libyen. Die Fahrt beschreibt er als wahres Horrorerlebnis. Viele Stunden saßen sie zusammengepfercht in einem Auto, das mit einer Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern durch die Sahara raste.
Auch beschossen wurden sie auf der Fahrt. Er hörte Schüsse und Handgranaten, die explodierten. Von hier aus, das wusste er, sollte es mit einem Boot über das Mittelmeer nach Italien gehen.
Immer wieder fällt in seiner Erzählung das Wort "Mafia". Die Schlepper, auf deren Hilfe die Flüchtlinge angewiesen sind, hätten die Menschen angeschrieben, bedroht und brutal geschlagen, erinnert er sich. Immer wieder musste er für jede weitere Strecke bezahlen, um seinem Ziel ein Stück näher zu kommen. Das Geld, das er danach noch brauchen würde, um weiterzukommen, hatte er vorsorglich gut versteckt.
"Es ist unvorstellbar, was die für ein Geld machen!", kommentiert Walter Schillings Tochter Stefanie kopfschüttelnd, was die Schlepper an den Flüchtlingen verdienen. In Libyen angekommen verbrachte Monzer 16 Tage lang unter erschütternden Bedingungen: 90 Menschen lebten zusammen in nur vier Zimmern und mussten sich ein Bad teilen. Dann ging es endlich auf das Boot, das ihn und andere nach Europa bringen sollte. Ein altes, hölzernes Segelboot. Obwohl es viel zu klein für sie alle war, drängten sich mehrere hundert Menschen an Bord.


Unvorstellbare Zustände

Auch wie die Menschen aufs Boot kamen, beschreibt er als katastrophal. Kinder wurden, wie er schilderte, teilweise im hohen Bogen durch die Luft geworfen. Vor ihnen lagen zwei Tage auf See, ohne etwas zu essen oder zu trinken.
Monzer zeigt beim Gespräch auch Fotos, die er auf dem Boot aufgenommen hat. Veröffentlichen möchten wir sie nicht, da darauf die Gesichter anderer Menschen zu sehen sind, von denen wir nicht sicher sind, ob sie durch die Berichterstattung Probleme bekommen können. Zur Navigation nutzten sie GPS-Funktionen auf ihren Handys. Monzer berichtet, dass es viele Wellen gab und das Boot stark schaukelte.
Europäischen Boden erreichten sie schließlich auf Sizilien. Dort wurde es noch einmal schwierig für die Flüchtlinge, denn die Polizei kontrollierte sie alle und wollte ihre Personalien und Fingerabdrücke aufnehmen.
Doch das wollte Monzer nicht. Sein Ziel war es, weiter in den Norden Europas zu kommen. Hätte er sich in Italien registrieren lassen, hätte es schwierig werden können, in einem anderen EU-Staat Asyl zu bekommen, denn das Dublin-Abkommen legt fest, dass ein Asylbewerber nur in dem Land der Europäischen Union anerkannt wird, in dem er zuerst angekommen ist.
Allerdings gelang es ihm, diese Kontrolle zu umgehen und mit dem Zug nach Mailand zu fahren. Dort, so erzählt er, gab es keine Probleme, er konnte in den nächsten Zug steigen und weiterfahren. Eigentlich wollte er nach Dänemark, schließlich blieb er dann aber in Deutschland.


Freundschaft über Monate

"Wir kennen uns seit Weihnachten", erzählt Walter Schilling. Er stammt aus Unterhohenried und war seinerzeit Hausmeister in zwei Flüchtlingsunterkünften in Haßfurt und Sylbach. So lernte er viele Menschen kennen, die im Landkreis Haßberge Zuflucht gefunden haben und hilft ihnen bei allerhand Problemen, die sich in ihrem Alltag ergeben. Beispielsweise treiben einige Flüchtlinge im Heimatkreis Sport bei den heimischen Vereinen, weshalb Schilling sie oft zum Training fährt. Auch zum gemeinsamen Forellen-Grillen in seinem Garten in Sylbach hat er die Asylbewerber bereits eingeladen.
Monzer war einer der Bewohner der Unterkunft in der Promenade in Haßfurt. "Dort ist ihm die Decke auf den Kopf gefallen, er wollte raus", erzählt Walter Schilling. So waren die beiden oft zusammen unterwegs, manchmal war der Syrer auch bei Familie Schilling zu Gast zum Essen oder half bei Gartenarbeiten. Vor etwa einem Monat war es dann soweit: Nachdem Monzers Asylantrag angenommen worden war und er vorerst in Deutschland bleiben darf, konnte er auch seine Familie zu sich holen.
Walter Schilling war es, der nach Frankfurt fuhr, um die Frau und die beiden Kinder seines Freundes vom Flughafen abzuholen. Nach zwei Jahren, in denen sie sich nicht gesehen hatten, konnte Monzer seine Familie wieder in die Arme schließen. Mittlerweile wohnt er nicht mehr in der Asylbewerberunterkunft, er hat in Haßfurt eine eigene Wohnung. "Auch da helfe ich beim Aufbau und beim Einrichten", erzählt Walter Schilling.
Nun hofft der Medizintechniker Monzer darauf, in Deutschland Arbeit zu finden. Gerade besucht er einen Deutschkurs, um seine Chancen darauf zu verbessern.