von unserem Mitarbeiter  Markus Häggberg

Lichtenfels — Der Mann ist widersprüchlich. Er weiß es selbst. Der gebürtige Lichtenfelser verewigt in Stein, schafft Zeitlosigkeiten. Doch der Gedanke an den Verkauf seiner hart erarbeiteten Ausstellungsstücke lässt ihn nicht eben glücklich aussehen. Abseits von Bewerbung und Publicity hat sich Ulf Eggert eine eigene faszinierende Kunstausstellung geschaffen.
Irgendwie ist es Ulf Eggert gelungen, als Künstler unbemerkt zu bleiben. Dabei sind ihm viele Lichtenfelser schon begegnet. "Ohne nachzufragen", wie der baumlange Mann in den Endfünfzigern bemerkt. In seinem Ton schwingt dabei etwas mit, was weniger nach Vorwurf als nach leiser Resignation klingt.


Ein Kommentar in Marmor

So, als sollte man in Lichtenfels besser nicht darauf spekulieren, dass sich nach einem - ohne dass dieser Tamtam treibt - erkundigt wird. Doch in der ehemaligen Synagoge von Lichtenfels findet sich ein von ihm gestaltetes Relief. Es zeigt einen in weißen Marmor geschlagenen schmerzlichen Kommentar zur Shoa, zum Holocaust; ein Gesicht, das sich beim Versuch, das Unfassbare zu begreifen, hinter einer mit Adern durchzogenen Hand verbirgt. Entstanden noch in einer gemauerten Scheune bei Bad Staffelstein, der ersten Werkstatt Eggerts.
Seubelsdorf: Früher war hier in der Wiesenstraße ein Lackhandel, jetzt betritt man durch ein Rolltor einen Ort, von dessen Hof aus mehrere Abzweigungen zu Räumen führen. Links ein Lager mit Steinen, noch unbehauen, eine Werkstatt, rechts vier Räume in unterschiedlichen Farben und Atmosphären.
Mit 42 Jahren war gar nicht daran zu denken, sich so etwas wie Bildhauerei zuzuwenden. Auch nicht mit 43 oder 44. Der Diplomkaufmann war bürgerlich, das "Geldverdienen war primär". Verheiratet, drei Kinder, ein Geschäft. Nach dem Abitur studierte er Betriebswirtschaftslehre, aber mit Kunst habe er sich immer befasst. "BWL war Pragmatismus."
Doch dann wurde er 45, und in diesem Jahr kam es zur Veränderung. "Ein Erweckungserlebnis hat es schon gegeben", sagt Eggert und berichtet von der Landesgartenschau in Kronach. "Da waren Bildhauer, und ich hatte das Gefühl, das kann ich auch. Da war ein Gefühl der Sicherheit." Vor elf Jahren dann die ernste Hinwendung zur Kunst: Bildhauerkurs, Kauf von Werkzeugen, Fahrt nach Italien, nach Carrara beispielsweise, berühmt für seinen Marmor. Nach seinem ersten Besuch dort habe er sich Steinblöcke mit der Spedition kommen lassen.


Buchtitel für Kierkegaard

Es folgte intensive autodidaktische Zeit, Ausstellungserfolge, Anerkennung. Zum "Begriff Angst", einem Werk des Philosophen Kierkegaards, wählte ein namhafter Verlag für das Buchcover eine Eggertsche Skulptur.
Sein Umfeld habe er mit seiner neuen Lebensausrichtung irritiert. "Doch wenn man eingespannt ist in eine Mühle, wächst der Wunsch, was zu verändern (...) Ich habe keine Fürsprecher gehabt. Nur meine Tochter hat gesagt: Mach's!", erinnert sich der Mann, der seine Firma verkauft und einen Schlussstrich gezogen hat, schmunzelnd.
Überhaupt: Humor. Der findet sich oft in den Arbeiten des mitunter streng Wirkenden. Umso leichter und unvermuteter tritt er offen zutage. Wie bei dem steinernen, eingefärbten und zerlaufenden Camembert, der daran gemahnt, dass man bei manchen Dingen lieber nicht zu lange warten sollte.