Andreas Lösch

Ziemlich dekadent, diese Maus. Oder waren es derer zwei, gar drei? Rudi Ruß weiß es nicht, aber das Schadbild ist eindeutig: "Mäusefraß", sagt der Sander Winzer, als er in der Weinlage Fischerberg im Süden des Dorfes die Trauben begutachtet. An mehreren Stöcken waren der oder die Nager zu Gange. Dekadent deswegen, weil sie nicht etwa ein paar einzelne Früchte vernascht, sondern lieber in jede Beere am Bündel einmal hineingebissen haben. Nur ein kleines Stück Fruchtfleisch fehlt, aber die angenagten Trauben könne man freilich vergessen, sagt Ruß.


Rotwein-Rebsorten betroffen

Dornfelder heißt die Sorte, aus der später ein fruchtiger Rotwein entstehen soll. Den betroffenen Weinberg bewirtschaftet Mathias Rippstein. Ruß hat den frischen Befall zufällig entdeckt, als er nach einem anderen Schädling sehen wollte: der Kirschessigfliege. Von der fehlt am Fischerberg noch jede Spur, aber das kann sich ganz schnell ändern. Ruß ruft den Winzerkollegen an.
Mathias Rippstein ist nicht überrascht, er kennt das Problem. Die Mäuse kann man bekämpfen, zum Beispiel mit Giftweizen, das man den Nagern ins Loch legt (breitwürfiges Ausstreuen ist verboten). Und die Kirschessigfliege? "Die wird noch kommen", sagt Rippstein. "Es ist aber mein einziger Weinberg, wo sie rangeht, da mache ich mich nicht verrückt", sagt der Sander. Die Fliege mag nur einige Rotweinsorten, weiße Trauben sind vom Befall nicht betroffen. Aber wenn sie da ist, kann es übel werden: Die Tiere können einem Winzer die Ernte vermiesen.
Die Kirschessigfliege stammt aus dem asiatischen Raum. Der Unterschied zu ihren europäischen Verwandten ist der Legeapparat der Weibchen: Sie können damit unbeschädigte Trauben anstechen. Die beschädigten Früchte wiederum locken die normalen Essigfliegen an, die zur eigentlichen Plage werden. Die Kirschessigfliege ist quasi "der Wegbereiter" für die normale Essigfliege, so Rippstein.


Nach Krise schaut es nicht aus

Gegenmaßnahmen wegen eines möglichen Befalls kennt die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG), an der ein Forschungsprojekt zur Kirschessigfliege läuft. Weil jüngst in einigen Medienberichten die Kirschessigfliege Thema war und man den Eindruck habe gewinnen können, dass heuer sämtliche Weintrauben dem Schädling zum Opfer fallen, stellt Projektleiter Hans-Jürgen Wöppel klar: "Es ist jetzt nicht so, dass die Ernte gefährdet wäre."
Aber zu Spaßen ist mit den Tieren auch nicht, sagt er. Es gilt, die Weinstöcke zu beobachten und bei einem Befall entsprechend zu reagieren. Den Winzern stellt das LWG hierzu Informationsmaterial zur Verfügung. Wichtig ist es, die Reben zu beobachten, sagt Wöppel. Ist die Eiablage erfolgt, müsse man handeln. Das zu erkennen, ist nicht leicht. "Mit bloßem Auge tut man sich schwer." Mit einem Binokular dagegen habe man eine Trefferquote von 70 bis 80 Prozent. Bei einem massiven Befall würde man das Mittel Spintor einsetzen, der Wirkstoff Spinosad greift das neuronale System der Insekten an und verhindert eine weitere Ausbreitung. Allerdings gilt das Mittel als "bienengefährlich", weshalb es sehr gezielt eingesetzt werden muss. So dürfen etwa keine blühenden Pflanzen im Weinberg sein, weil dann auch Bienen da sind.


Die Hitze hilft gegen die Fliege

Deshalb sollten Winzer laut LWG zunächst vorbeugende Maßnahmen ergreifen: Zu trocken mag es die Kirschessigfliege gar nicht, weshalb die Reben zum Teil freigeschnitten werden sollten, damit die Luftfeuchtigkeit im Weinberg sinkt. Die vergangenen heißen Tage haben dem Insekt ebenso missfallen, erklärt Wöppel. So könnte es sein, dass die Kirschessigfliege nicht richtig in Fahrt kommt, eine aufwendige Behandlung brauch es eventuell also gar nicht.