VON Rettl Motschenbacher

Bamberg — Gestern fiel mir eine Geschichte in die Hände über das "Wunder von Bern", die Fußballweltmeisterschaft 1954. Erzählt hat sie mir der Hans vor etwa zehn Jahren. Für uns heut ist interessant, wos sich doo alläs verändärt hot. Aber unverändert ist die Begeisterung der jungen Fans. Ob die aa so vill riskiern tätn wie deä Hans domols?
Und so is ooganga: "Der Bu is fußballverrückt!", behaupteten die Eltern. Nicht nur, dass der 13-jährige Hans regelmäßig mit dem Fahrrad nach Nürnberg trampelte, um bei den Spielen des Clubs dabei zu sein und vor allem seinen Star Max Morlock zu erleben. Auch sein Pausengeld für die Schule ging gänzlich für Kaugummi drauf, weil er die Fußballer-Bilder sammelte, von denen es in jeder Packung eines gab. So kaute er zwar unaufhörlich, aber nichts Nahrhaftes!

Finale - und der Hans auf Föhr

Ausgerechnet im Juni 1954 wurde er - hoch aufgeschossen und untergewichtig - zur Erholung in das Kinderheim "Hus Sünnschien" auf der Insel Föhr geschickt. Der Tag des WM-Finales war ein Sonntag und das Endspiel sollte im Fernsehen übertragen werden. Aber - wer hatte damals denn schon einen Fernseher? Lediglich in Schaufenstern von Fachgeschäften stand so ein Schwarzweiß-Gerät. "Darf ich wengstns das Spiel im Radio mithören?", fragte der Hans hoffnungsvoll seine Betreuerin und bemühte sich, einigermaßen hochdeutsch zu sprechen. "Kommt ja gar nicht in Frage, bei so einem Wetter bleiben wir nicht in der Stube!", war die niederschmetternde Antwort. So musste er mit den anderen an den Strand, Muscheln sammeln und Schlagball spielen.
Aber er war nicht bei der Sache. "Nuch zwaa Stundn, donn werd oogäpfiffn! Wenn ich net däbei bin, väliert unsä Monnschaft garantiert!" Das redete er sich ganz fest ein und war wütend: auf seine Mutter, die ihn hierher geschickt hatte und auf die Leute im Kinderheim. Noch eine Stunde! "Wo liecht eigentlich Bern?", fragte er eine Erzieherin. "In der Schweiz!", sagte sie. "Do is etz gleich Onpfiff", dachte Hans verzweifelt und es kam ihm so vor, als ob Deutschland nur mit zehn Spielern ins "Wankdorfstadion" einlief - weil er nicht dabei war. Als auf dem Heimweg "Hus Sünnschien" auftauchte, kam es ihm wie ein Gefängnis vor. "Des Spiel is etz fünf Minutn old!"
Für Hans gab es kein Halten mehr. Er entwischte durch den Hintereingang, lief an die Straße und versuchte, Autos anzuhalten. Das dritte hielt. "Wo willst du hin?", fragte der Fahrer. "Zum Radio ... oder Fernsehen ...", stotterte der Bub und der Mann verstand sofort. In der Hauptstraße von Nieblum ließ er ihn aussteigen, genau da, wo vor einem Schaufenster eine Menschentraube stand. Auf allen vieren kroch er durch die Beine der Leute bis vor die Scheibe und da sah er, ganz nah: den Maxl Morlock, den Helmut Rahn, den Fritz Walter und den Toni Turek. Aber die fremden Gesichter um ihn herum zeigten nur Niedergeschlagenheit: Noch kein Tor für Deutschland! Ungarn, das als unschlagbar galt, führte mit 2:0. Noch vier Minuten bis zur Halbzeit! Da kam die Flanke von rechts: Morlock rutschte auf dem glatten Rasen, erwischte den Ball mit der Zehenspitze - es stand 2:1!
"Soll i in dä Halbzeit zärück zän Essn?", überlegte der Bub. "Obä ich ko doch mei Monnschaft net im Stich lossn! Naa, iich bleib do! In der zweiten Halbzeit dann Ecke von links, Rahn schießt aus dem Hinterhalt: 2:2! Hans ist jetzt sicher: "Des hom die bloß miä zä vädankn, wal ich doo gäbliebn bin!" Noch fünf Minuten reguläre Spielzeit. Wird es Verlängerung geben? Da! Helmut Rahn spielt seinen Gegner aus, schießt aus 16 Meter Entfernung links ins untere Toreck: "Toooor!!!", schreien begeistert die sonst so spröden Inselbewohner und fallen sich in die Arme. "3:2! Wir sind Weltmeister" jubeln sie und klopfen Hans auf die Schultern.
Wie in Trance läuft der Hans zurück ins Heim. Aber warum stehen im Hof Polizeiautos? Auf der Treppe stellt der Heimleiter den Ausreißer. "Wo warst du? Wir haben dich schon mit der Polizei gesucht!" Gleich stehen ein paar Beamte um ihn herum. "Obä miä sän doch Weltmastä! Und mei Morlock hot des örschta Tor gschossn und hot so long gäwart, bis ich vor dera Schaufenstäscheibn woä!" Aber er stößt nicht nur wegen seiner Bamberger Mundart auf Unverständnis. "Einen Ausreißer können wir hier nicht gebrauchen!", sagt der Heimleiter streng. "Pack sofort deinen Koffer! Deine Eltern werden verständigt!"
Am nächsten Morgen ging die Fähre, dann setzte man Hans in den Zug nach Würzburg, wo er umsteigen musste. Je näher es auf Bamberg zuging, desto mulmiger wurde es ihm. Was würden die Eltern sagen? Welche Strafe erwartete ihn? Durch das Abteilfenster sah er am Bahnsteig Mutter und Vater stehen - und der hatte einen Rucksack auf! " Ob die mi etz glei nei a andersch Heim schickn?", schoss es dem Hans durch den Kopf. "Välleicht hom sie scho alles däbei?" Aber der Vater rief schon von weitem: "Miä sän Weltmastä!" Und er nahm aus dem Rucksack einen nagelneuen Fußball, den er seinem Sohn strahlend zuwarf. Dann lagen sich alle drei in den Armen. War das nicht ein weltmeisterlicher Empfang?