Eltmann — Am 19. und 21. Juli 1944 fielen Bomben auf das Kugelfischer-Werk in Eltmann, die Stadt Eltmann und die Gemeinde Ebelsbach. Zwei Menschen starben in Eltmann und fünf in Ebelsbach. Unser Leser Lorenz Dümpert war damals zehn Jahre alt. In einem Schutzkeller er- und überlebte er den Angriff. Der 80-Jährige erinnert sich:
"Vor 70 Jahren, am 19. und 21. Juli 1944, warfen englische und amerikanische Bombergeschwader mehr als 2500 Spreng-Phosphor- und Stabbrandbomben auf das Kugelfischer-Werk, die Stadt Eltmann und die Gemeinde Ebelsbach ab.
Mit diesem vorliegenden Bericht soll der jungen Generation ein eindrucksvolles Bild von dem Fliegerangriff während des Zweiten Weltkriegs vermittelt werden. Denn die vielen Opfer unter der Bevölkerung, die diese Fliegerangriffe an zahlreichen Orten und Städten forderten, sollen eine überzeugende Mahnung sein von der Sinnlosigkeit eines Krieges.
Der Grund für die beiden Fliegerangriffe war das Kugellagerwerk in Eltmann, das 1940 von Schweinfurt nach Eltmann verlagert wurde, und die Rollenproduktion nach Ebern.
Der Grund für die Verlagerung war aber auch, die Arbeit in einem noch agrarisch ausgerichteten Gebiet in der Nähe der Arbeitskräfte anzusiedeln, um die langen Arbeitswege der Pendler täglich nach Schweinfurt zu verkürzen.
Gleichzeitig berücksichtigte man dabei auch den Gesichtspunkt der Luftgefährdung, die das Rüstungsministerium zur Forderung veranlasste, Industriebetriebe von strategischer Bedeutung breiter gestreut anzusiedeln.
Nach dem ersten Fliegerangriff auf Schweinfurt am 17. August 1943 hat der Rüstungsminister Albert Speer den Verlagerungsprozess unter den gefährlichen Bedingungen der immer häufiger werdenden Fliegerangriffe vorangetrieben.
Das strategische Konzept der alliierten Streitkräfte war, alle Betriebe der Rüstungsindustrie gezielt anzugreifen. Hier war neben Treibstoff-Erzeugung, U-Boot-Werften und der Flugzeugindustrie die Wälzlagerproduktion ein vorrangiges Angriffsziel.
In Eltmann wurden im Werk bereits zehn Millionen Kugeln täglich gefertigt. Dies war ein Rückgrat der deutschen Industrieproduktion. Die deutsche Kriegsführung erkannte die Bedeutung des Werkes Eltmann. Deshalb wurden die beiden großen Werkhallen mit 10 000 Quadratmetern Produktionsfläche mit grünen Netzen getarnt. Um das Werk wurden ringsherum Nebelfässer aufgestellt. Sobald Flieger im Anflug waren, mussten die russischen Kriegsgefangenen das Werk vernebeln, sodass das ganze Maintal eine Nebelwand war, die einen zielgenauen Angriff auf das Werk verhindern sollten. Neben den Nebelfässern waren auf den Feldern zum Schutz der russischen Gefangenen runde Ein-Mann-Bunker im Boden verankert.
Ein Abwehrgürtel mit je zwölf schweren 8,8 Zentimetern und 10,5 Zentimetern langrohrigen Flakgeschützen waren in Sand neben dem Friedhof, in Stettfeld an der Staffelbacher Straße und in Neubrunn zur Flugabwehr stationiert.
Nach der Landung in der Normandie wurde die Luftüberlegenheit der alliierten Streitkräfte über Deutschland von Tag zu Tag größer. Der Krieg kam immer näher, denn die beiden Fronten im Osten und Westen banden Streitkräfte. So konnten sich die amerikanischen und englischen Bomberverbände Tag und Nacht fast ungehindert bewegen und ihre tödliche Fracht auf die deutschen Städte abladen.

Nächtlicher Luftminenabwurf

In der Nacht vom 30. zum 31. März früh um 0.30 Uhr wurde Stettfeld durch einen nächtlichen Luftminenabwurf verwüstet. Zwölf Tote hatten die Stettfelder in der Schreckensnacht zu beklagen und mehrere Schwerverletzte, ohne die vielen zerstörten Gebäude, das verbrannte Groß- und Kleinvieh. Vermutlich hatte der rauchende Schornstein der (einstigen) Kachel-ofenfabrik die britischen Bomber veranlasst, zwei schwere Luftminen abzuwerfen und mehrere Brandbomben.
Hochsommerlich warm bei wolkenlosem blauen Himmel war es am 19. Juli 1944, als bereits um 9 Uhr die Luftschutzsirenen heulten und die Schulkinder wie schon fast täglich nach Hause durften, um die Luftschutzkeller unterhalb des Schlossbergs an der Steige und im Stutzgraben neben der Rückertstraße aufzusuchen.
Gegen 11.20 Uhr war es so weit. Aus Richtung Gleisenau kamen im Rückflug aus Nürnberg zwei Wellen von je 24 viermotorigen Propeller-Lancaster-Bombern auf das Maintal zu. Aus etwa 6000 Metern Höhe warfen sie ihre Spreng- und Brandbomben auf das noch gut vernebelte Kugellagerwerk ab, die meisten Bomben verfehlten das Ziel jedoch. Viele Bomben fielen auf die Felder, in den Main, und nur eine Sprengbombe traf in Eltmann die Scheune des Korbmachermeisters Johann Ziegler in der Vorstadt. In den umliegenden Häusern waren viele Fensterscheiben durch die Druckwellen zerbrochen. Von den russischen Kriegsgefangenen, die die Nebelfässer bedienten, wurden die durch die Druckwellen getöteten Gänse, Enten und Fische aus dem noch ungestauten Main herausgefischt.
Vom Himmel regnete es nach den Bomben Flugblätter, gefälschte Lebensmittelkarten und Silberlamettastreifen, die die Flugabwehr außer Betrieb setzen sollten. Auf den Flugblättern waren deutsche Soldaten zu sehen, die sich in Frankreich ergeben hatten und zur Aufgabe des sinnlosen Krieges und Kapitulation aufriefen.
Die Information funktionierte bei den Amerikanern gut. Nachdem das Werk nicht getroffen worden war, fand der zweite Angriff am 21. Juli 1944 statt, bei dem das Kugellagerwerk, die Stadt Eltmann und die Gemeinde Ebelsbach erhebliche Gebäude- und Maschinenschäden davontrugen.

Es folgte der Großangriff

Genau einen Tag nach dem Attentat auf Adolf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter erfolgte nun der Großangriff. Die Alliierten wussten, dass durch den Zweifrontenkrieg die Flak-einheiten in Sand, Stettfeld und Breitbrunn bereits einige Tage zuvor an die Ost- und Westfront abgezogen worden waren und sie kein Sperrfeuer befürchten mussten. Außerdem waren die Nebelfässer zum Schutz des Werkes fast leer und Ersatz konnte durch die laufenden tödlichen Tieffliegerangriffe nicht so schnell beschafft werden. Die deutsche Luftwaffe war nicht mehr einsatzfähig, da die Bombergeschwader der Amerikaner von Flugzeugjägern des Typs "Mustang" begleitet wurden.
Die britischen viermotorigen Lancaster-Bomber mit sieben Mann Besatzung konnten eine Bombenlast von sechs Tonnen tragen. In den Bombenschächten befanden sich Luftminen, Sprengbomben mit je 900 Kilogramm und eine Unzahl von Stabbrandbomben, die sechseckig waren, 60 Zentimeter lang und 1,7 Kilogramm Gewicht hatten. Außerdem kamen Phosphorbomben in Behältern mit einem Gewicht von 13,5 Kilogramm dazu.

Kondenskreis am Himmel

Das Kugellagerwerk sollte bei dem zweiten Großangriff am 21. Juli 1944 durch das 5. US-Bombergeschwader in Schutt und Asche gelegt werden. Ein vorausfliegendes Flugzeug zog einen Kondenskreis am Himmel über das Werk und die schweren 90 Bomber luden in drei Wellen circa 35 Minuten lang ihre Bombenlast in den Kreis ab.
Das Werk wurde dabei zu 80 Prozent getroffen, viele Häuser und Scheunen in Eltmann wie Ebelsbach wurden ein Raub der Flammen. Da die Männer an der Kriegsfronten standen, mussten die Arbeitsmaiden, Frauen und alten Männer zum Löschen die Keller verlassen. Von den Arbeitsmaiden wurden aus den brennenden Stallungen von Georg Neubauer die drei Zuchtbullen und die zwölf Kühe losgebunden und ins Freie getrieben. In Eltmann brannten über 20 Häuser und Scheunen. Total zerstört wurden der Bahnhof, die Klosterbräu, der Saal der Brauerei Waldhäuser, die Steinwerke Vetter, Keller und Keupp. Das Dach der Kirche in Ebelsbach war sehr stark beschädigt. Die Kirche in Eltmann blieb außer ein paar Fensterschäden unbeschädigt. Der damalige Pfarrer Konrad Kirchner hat zum Dank versprochen, so lange er lebt, eine Wallfahrt nach Stettfeld durchzuführen. Er starb 1949.
Ein großes Glück war auch, dass viele Zünder der Phosphor- und Brandbomben versagten, sonst wären Eltmann und Ebelsbach verwüstet worden.
Die dramatischen Stunden beim ersten Fliegerangriff erlebte ich im Amonsgarten an der Galgenleite beim Pflücken von Johannisbeeren. Von dort konnte ich den Luftangriff totenbleich im Freien miterleben, denn die Sprengbomben fielen nur 100 Meter weit von mir in den Main.
Den zweiten Angriff erlebte ich im tiefen Sandstein-Gewölbekeller im Stutzgraben, der mit einem Notausgang zum daneben liegenden Keller verbunden war.
Plötzlich war während des Angriffs ein dumpfes Grollen, dem ein Donnerschlag mit Detonation folgte, zu hören. Ein einziger Schrei des Schreckens und der Todesangst erfüllte das mächtige Kellergewölbe. Dann plötzlich Stille, unheimlich lähmende Lautlosigkeit, bis die Kinder und Frauen kreischten, und die Rufe der alten Männer waren, vor dem Kellereingang sei eine Brandbombe gefallen. Eilig wurden Kerzen angezündet und Taschenlampen blitzten auf, um in den Notausgang zum daneben liegenden Keller zu drängen.

Aus dem Keller

Erleichtert erfuhren wir, dass die Brandbombe am Eingang zu unserem Keller von einem älteren Mann mit der Schaufel entfernt und die brennende Kellertür gelöscht worden war. Qualm und Brandgeruch drangen jedoch vom Zugang her in den Gewölbekeller, der zum Luftschacht am Ende des Kellers wieder entweichen konnte. Nach circa 35 Minuten war der Angriff zu Ende und wir konnten den Keller wieder verlassen.
Durch den Fliegerangriff sahen die Stadt Eltmann und die Gemeinde Ebelsbach trostlos aus. Für viele ältere Bürger, die diese Fliegerangriffe erlebt haben, bleibt der Klang der Bomben und des Feuersturms unvergessen.
Die Menschen waren froh, dass der Krieg am 12. April 1945 durch den Einmarsch der alliierten Truppen für Eltmann zu Ende war und die täglichen Tieffliegerangriffe aufhörten."
Lorenz Dümpert