von unserer Mitarbeiterin 
Marion Krüger-Hundrup

Bamberg — Es war fast wie im richtigen Schauspielerleben: Erst gab es ein Casting, dann das Engagement. Dann fiel sozusagen die erste Klappe am Set. Szene für Szene wurde geprobt, bis Regisseur Jean-Francois Drozak loben konnte: "Das war schon richtig klasse!"
Es war aber eben nur fast wie im richtigen Theaterhimmel. Denn die neun jungen Darsteller sind U-Häftlinge der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bamberg - eingesperrt, ausgegrenzt, einem Knastalltag ohne Arbeit ausgeliefert. "Das ist eine schöne Abwechslung", freute sich Patrick (Namen der Häftlinge von der Redaktion geändert) über dieses Theaterprojekt, das der katholische Gefängnisseelsorger Michael Kutsch-Meyer ins Leben gerufen hatte. "Mir hilft das psychologisch", meinte auch Markus. "Das macht Spaß, arbeiten mit Körper und Intellekt, das ist ein guter Prozess", ergänzte Mahmoud.
Tatsächlich agierte das Knast-Ensemble schon bei den Proben mit vollem Einsatz. Theaterpädagoge Drozak von der Nürnberger Agentur für Kulturdesign "Kunstdünger" brauchte nur knappe Regieanweisungen und Stichworte zu geben. Denn Texte aus einem Drehbuch auswendig lernen musste zuvor niemand. Die Männer durften improvisieren und hatten zudem den Stoff des Stückes nach der Einführung durch Jean-Francois Drozak intus.
Die Geschichte, die auf die Bühne kommt, mutet zunächst so absurd an, wie es der Ort der Aufführung ist. Die Kirche der JVA als umfunktionierter Theatersaal ist nun ein Hotel, in dem Frau Merkel nicht ihre Micky-Maus-Sendung anschauen kann, Herr Seehofer seine Eisenbahn nicht in Schwung bekommt, und alle Waschmaschinen ausgefallen sind. Jemand hat den Strom abgestellt. Wer war das? Vielleicht der künftige bayerische Ministerpräsident aus dem Frankenwald? Und noch eine Frage treibt um: Wird der 1. FC-Nürnberg in den nächsten hundert Jahren deutscher Meister?
Doch was zunächst so Sinn frei und abstrus klingt, hat durchaus einen ernsten Hintergrund. Drozak hat nach dem Roman von Herbert Rosendorfer "Briefe in die chinesische Vergangenheit" ein hochbrisantes Dramolett verfasst. Der Romanheld aus China mutierte dabei zum Japaner, der mithilfe einer Art Zeitmaschine aus dem 10. Jahrhundert in die Gegenwart versetzt wird und damit tausend Jahre überbrückt. Der Japaner landet versehentlich in Bayern. Erlebt hier die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Fukushima und erkennt: Seine Zeitreise kommt zu spät für eine "Energiewende".


Aktuelles Thema

Was hat die Energiewende nun ausgerechnet mit Knastbrüdern zu tun, die nach eigenen Aussagen etwa diverse elektrische Geräte in der Zelle haben, die Strom verbrauchen? So wie gerade der Fernseher, der stundenlang am Tag läuft. "Die Energiewende betrifft die Insassen der JVA genauso wie die ganze Gesellschaft", betonte Jean-Francois Drozak. Und "die Menschen hier sind ein Teil der Gesellschaft". Er mache kein "Insassen-Theater", sondern leiste einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung, fügte der Pädagoge hinzu. Mahmoud legte gleich nach: "Man könnte auch im Knast Strom sparen und etwas für die Umwelt tun!" Alexis ergänzte: "Die Energiewende geht jeden Menschen an, der auf unserer Erde wohnt!" Markus: "Das Thema ist auch für uns aktuell!"
Für Pastoralreferent Michael Kutsch-Meyer war dieser lebhafte Austausch ein "schöner Nebeneffekt des Theaterspielens". Aber es werde auch sonst im Alltag nicht nur "Knast-Talk" betrieben, sondern Themen besprochen, die unter die Haut gingen. Der Gefängnisseelsorger ist gleichwohl froh, dass dieses Theaterprojekt bei den Häftlingen neue Fähigkeiten weckt, sie Wertschätzung und Selbstannahme erfahren können.
Natürlich sorgt Regisseur Drozak für die passenden - "wenn auch minimalistischen" - Requisiten: "Die werden erst alle durchgescannt", lachte er. Denn es gebe durchaus Objekte wie zum Beispiel Schraubenzieher, die im Gefängnis nichts zu suchen hätten. Dabei müssten doch drei Kraftwerke aufgebaut werden, an denen zwei Wissenschaftler die Schwierigkeit verdeutlichen werden, Strom aus der Steckdose zu bekommen.
Heute Abend hebt sich also der Vorhang in der JVA für geladene Gäste, unter ihnen Domkapitular Peter Wünsche als Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat. "Das Erzbistum Bamberg unterstützt das Theaterprojekt", erklärte Kutsch-Meyer. Auch JVA-Chef Ulrich Mann habe "sehr positiv" darauf reagiert. Am Freitag gibt es dann eine Aufführung für alle Bamberger Häftlinge.


Ein Seitenhieb

Szenenapplaus dürfte den Darstellern sicher sein. "Bisher habe ich noch kein Lampenfieber, aber das kommt bestimmt! Ich werde nervös sein!", bekannte Jonas an dem Probentag. Aber das ganze Projekt ist für ihn "Resozialisierung, die passiert hier nur durch die Ehrenamtlichen und den Pastoralreferenten", versetzte er fast grimmig noch einen Seitenhieb.