Lichtenfels — Den Marktplatz erwartet Kunst und ein Turmbau zu Babel. Und auch ein wenig Provokation? Wenn es nach dem Gefängnisseelsorger der JVA Ebrach, Hans Lyer, und Künstler Clemens Muth geht, dann wäre das durchaus erwünscht. In ihrer Obhut und unter ihrer Anleitung haben Häftlinge der JVA Ebrach im Projekt "Kunst und Knast" dem Turmbau zu Babel eine moderne Auslegung gegeben. Am Samstag, 23. Mai, wird sie auf dem Marktplatz pyrotechnisch, zehn Meter hoch und auf 64 qm Fläche ausfallen. Es beginnt mit einer Eucharistiefeier um 20 Uhr und mündet in das Feuer-Kunstwerk gegen 22 Uhr.

Es geht um Selbstüberschätzung

Bürgermeister Andreas Hügerich empfing am Dienstag vier Verantwortliche dieses Projekts im Rathaus. Zudem war auch Citymanager Steffen Hofmann gekommen. Schon 2013 erging an die Häftlinge die Aufforderung, den Begriff Selbstüberschätzung zu drehen und zu wenden und ihm künstlerischen Ausdruck zu verleihen. Immerhin ist Selbstüberschätzung ein Grund für Schieflagen aller Art, führte im Alten Testament zum Turmbau von Babel und im Heute Jugendliche in die JVA.
Zwei Ausstellungen gab es mit dem Turmbau zu Babel schon, die Korbstadt wird zwischen 23. und 25. Mai dritte Station sein. Andreas Hügerich dazu: "Schon bei der ersten Kontaktaufnahme war ich begeistert von dem Projekt. Ich bin sehr dankbar, dass wir es in Lichtenfels haben dürfen." Aber das Projekt ist nicht ganz unauffällig - ein Spielautomat, ein überdimensionierter Schlagring, Geldscheine im Bettlakenformat und dazu Musik von Gustav Mahler und Pyrotechnik von Spezialisten, die schon für die Rolling Stones gearbeitet haben.

Selbstüberschätzung und Kriminalität - gibt es da Schnittmengen?
Hans Lyer: Ich denke, das hat miteinander zu tun. Es ist die Überdosis Zuviel - zu viel Drogen, zu viel dies. Das Projekt soll Menschen in Selbstüberschätzung zeigen.

Was hat das Projekt den Gefangenen an Erkenntnissen gebracht?
Clemens Muth: Man kann es als Gemeinschaftsarbeit sehen. Da stecken lange Gespräche dahinter.
Lyer: Der Täter versteckt sich mit seiner Schuld nicht, sondern macht sie deutlich.

Wie war der Umgang mit den Gefangenen während der Projektzeit?
Muth: Man stellt sich das nicht vor, aber der ist recht vornehm. Es ist ein angenehmes Miteinander und es sind hoch interessante Gespräche dabei.

Wie wurde damals das Thema angenommen bzw. wie ließen sich Gefangene darauf ein?
Lyer: Damit rechnen die, wenn sie es mit einem katholischen Priester zu tun haben (lächelt). Es käme nicht an, wenn es keinen konkreten Bezug zur Realität der Gefangenen hätte. Wir schauen uns einen (Bibel-)Text an und fragen uns: Was hat das mit uns zu tun? Wenn nichts, dann weg damit!

Warum hat sich Lichtenfels für das Beheimaten dieses Pfingstfeuers entschieden?
Andreas Hügerich: Der Marktplatz soll ja ein Ort der Kommunikation sein. Auch für unbequeme Themen.
Steffen Hofmann: Es ist auch was Einzigartiges, was eine andere Stadt nicht hat.
Erfahrungen mit dem Projekt?
Muth: In Bezug auf Beleuchtung ist es von internationalem Niveau. Während der Veranstaltung hört man keine einzige Stimme, da wird nur geguckt und gestaunt.

Werden Häftlinge vor Ort sein?
Lyer: Ja. Eine Gruppe von sieben, acht Leuten auf Hafturlaub.

Fluchtgefahr?
Lyer: Nein, die stehen alle kurz vor der Entlassung, die wären ja dumm, wenn sie sich noch was zu Schulden kommen ließen.

Die Fragen stellte Markus Häggberg.