Matthias Einwag

Seine kleinen Kunstwerke meist so vergänglich wie Sandburgen am Strand. Das liegt zum einen an den Materialien, die er benutzt, zum andern an den Zeitgenossen, die Veränderungen anbringen.
Seit etwa einem Jahr verzaubert Hubert Kolling aus Unterzettlitz die Natur des Staffelsteiner Landes mit seinen Installationen. "Land Art" heißt diese Kunstform, wobei Holz und Beeren, Lesesteine und sogar Schnee und Eis kreativ eingesetzt werden. Rund 100 vergängliche Kunstwerke dieser Art hat der 55-Jährige inzwischen ersonnen und umgesetzt. Dabei hatte er weder seinen Namen noch den Titel der Installation hinterlassen.
Das hatte dazu geführt, dass zum Beispiel auf Facebook über den geheimnisvollen Künstler spekuliert wurde. Jetzt outete sich Hubert Kolling als Urheber der Installationen: "Das Interesse überraschte mich, denn das war gar nicht so intendiert", sagt der Dozent des Bildungszentrums Bad Staffelstein. Über die Lebensdauer seiner Kunstwerke, die zwischen drei Zentimeter und drei Meter groß sind oder waren, sagt er: "Da waren Sachen dabei, die haben keine drei Stunden gehalten, dann waren sie kaputt." Gut, dass er die Bilder und Skulpturen stets mit der Kamera festhielt.


"Ich will nichts kaputtmachen"

Angefangen hat alles, als er eine Installation aus Erde und Stroh auf einem Unterzettlitzer Acker plante. "Ich habe den Landwirt angerufen und um Erlaubnis gefragt, denn ich will ja nichts kaputtmachen", sagt er. "In der Regel habe ich eine Idee, dann suche ich mir das Material und einen Platz, dann folgt die Ausführung", beschreibt er seine Arbeitsweise. Der zeitliche Ansatz? Zwischen einigen Minuten und etlichen Stunden - je nach Art und Weise der Vorbereitung zu Hause und der Ausführung vor Ort.
Natürlich sei er beim Anlegen seiner "Land Art" gesehen worden: "Ich hab' ja keine Tarnkappe." Im Kurpark, am Badesee, am Lauterbach oder am Staffelberg, wo viele seiner Kunstwerke entstanden, hätten sich immer mal wieder Zuschauer hinzugesellt, die manchmal nicht mit weisen Ratschlägen sparten. Etwa beim Bau der "Hängepartie" auf dem Staffelberg. Als er die kleine Brücke aus Haselnussstöckchen und Jurakalksteinen baute, habe er gemerkt, dass man ihn beobachtete. Irgendwann habe der Beobachter - vielleicht ein Ingenieur? - nicht mehr an sich halten können. Er sei nervös geworden und habe ihn angesprochen: "Ich würde da dickere Hölzer nehmen, denn das wird ja so nie halten!"
"Meistens sprechen einen ja die Damen an", sagt Hubert Koling und grinst dabei bübisch. Als er im Kurpark eine kleine Installation in die Astgabel eines Baumes setzte, was wohl ans Veredeln des Gehölzes erinnerte, kam er mit einem älteren Paar ins Gespräch. Mit der Dame unterhielt er sich eine Weile. Im Weggehen fragte der Herr dann mahnend: "Sie haben aber schon eine Genehmigung?!"


Die S-Bahn und Homo erectus

Hubert Kolling macht es Freude, bei der Namensgebung seiner Arbeiten mit der Sprache zu spielen. "Homo erectus auf dem Weg zur S-Bahn" heißt ein Kunstwerk aus Moos, Erde, Linden- und Kirschbaumblättern, das Fußstapfen und ein "S"-Symbol zeigt. Klaro! Zur Zeit der ersten Menschen gab's ja noch keine S-Bahn, die hat bekanntlich Fred Feuerstein erst viel später erfunden.
Meist entspringt sein Spiel mit Wörtern und Begriffen aber einem politischen oder philosophischen Hintergrund. Reizthemen lassen sich dadurch auf eine andere Art darstellen. So auch bei seinen Installationen "Ziemlich beste Freunde", "Ölpest", "Die ganz große Liebe" oder "Herz über Kopf". Das letztgenannte Kunstwerk hatte er am Staffelsteiner Bahnhof aus Beeren und verschiedenfarbigen Steinen angelegt. Er war überrascht, wie schnell es zerstört wurde.
"Das Problem bei Land Art ist generell - sie ist vergänglich. Sie wird ja auch nicht durch Glasplatten oder Zäune geschützt." Auch die mutwilligen Zerstörungen - und die Veränderungen durch Wind und Regen - hat er mit der Kamera dokumentiert. Doch gerade willkürliche Eingriffe schmerzten ihn: "Am Anfang hat mir das schon sehr weh getan."


Perfide Veränderung

Erschüttert sei er gewesen, als er von einer perfiden Veränderung seiner Installation "Die ganz große Liebe" erfuhr - einem Herz aus Mispel- und Ligusterbeeren mit drei Symbolen, die eine Hetero- sowie zwei Homo-Beziehungen thematisierten. Jemand hatte - ganz filigran mit einem Stöckchen - die beiden Symbole der gleichgeschlechtlichen Beziehungen säuberlich durchgestrichen. "Diesen Sinn hatte ich nicht beabsichtigt, deshalb habe ich diese Installation dann auch wieder abgebaut."
Oft aber baut die Natur selbst die Kunstwerke ab - etwa den "Eispalast" aus Brucheisstücken am Badesee - er schmolz einfach dahin. Bei der "Himmelsleiter" aus Jurasteinen und Maiskolben hatten aber andere Kunstbanausen die Klauen im Spiel: Offenbar taten sich Wildschweine an dieser gedeckten Tafel unterhalb des Staffelbergs gütlich, denn der Mais war herausgefressen.