von unserem Mitarbeiter Mario Deller

Kutzenberg — Stolz präsentierten die WM-Helden im Vorjahr den Pokal. Unsere Schultergelenke haben eigentlich auch einen Pokal verdient, verdanken wir ihnen doch, dass wir unsere Arme nach oben, unten oder zur Seite bewegen, so unseren Alltag meistern können. Das wird uns leider erst dann bewusst, wenn hier etwas im argen liegt. Erkrankungen des Schultergelenks und Behandlungsmethoden von therapeutisch bis operativ beleuchtete Chefärztin Dr. Alexandra Claus am Samstag im Kutzenberger Festsaal im Rahmen des Gesundheitsforums des Bezirksklinikums Obermain.

Gute Resonanz

Die Sonne schien durchs Fenster, doch viele der zahlreichen Zuhörer, die da im Festsaal Platz genommen hatten, konnten das schöne Wetter nur bedingt genießen, sind sie doch selbst betroffen. Die gesellschaftliche Relevanz des Themas "Schultererkrankungen" zeigten sich auch daran, dass der Saal schon eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn vollständig belegt war. Dankenswerterweise hielt Claus ihren Vortrag zweimal, sodass auch diejenigen zum Zug kommen, die beim ersten Vortrag platzbedingt keinen Einlass mehr fanden.
Die gute Resonanz lag wohl auch daran, dass es Claus hervorragend versteht, selbst komplizierte Sachverhalte - und der Bereich "Schultererkrankungen" gestaltet sich, wie an diesem Nachmittag deutlich wurde, als sehr vielschichtig - anschaulich so zu erklären, dass auch der Laie sich ein Bild davon machen kann.
Claus erläuterte zunächst die Anatomie der Schulter mit Kopf, Pfanne, Schlüsselbein, Schulterblatt und Oberarmknochen, um schließlich mit Röntgen- und Kernspintomografie-Bildern die einzelnen Krankheitsbilder zu beleuchten. Natürlich ging die Ärztin - und das ist für die Patienten und in diesem Fall die Zuhörer das Entscheidende - auf jeweils sinnvolle Therapien und Operationsmethoden ein.

Riss muss behandelt werden

Als "Achillessehne der Schulter" kann die für deren Beweglichkeit enorm wichtige "Rotatorenmanschette" reißen. Hier sei eine zügige Behandlung anzuraten, betonte die Referentin, denn es sei medizinischer Fakt, das ein unbehandelter Manschettenriss zu einer Arthroseerkrankung führt. Entscheidender Bedeutung komme gerade hier der Nachbehandlung zu, um dem von Claus erläuterten Konflikt zu begegnen: "Einerseits muss bei einem Riss alles wieder zusammenwachsen, doch mit der Ruhigstellung droht die bekannte Schultersteife".
Aus ihrem Vortrag wurde zudem ersichtlich, dass die Medizin auch in der Behandlung von Schulterkrankungen nicht stehen bleibt. So wurde bei einer "ausgekugelten" Schulter das Gelenk nach der Wiedereinrenkung einfach nur ruhig gestellt. Heute besteht die Möglichkeit, mittels spezieller Implantate die infolge des Auskugelns abgerissene "Gelenklippe" wieder an der ursprünglichen Stelle zu befestigen und so die Anfälligkeit für erneutes Auskugeln zu verringern.
Des Weiteren ging die Referentin ein auf die schmerzhafte, aber mittels arthroskopischem Verfahren gut therapierbare "Kalk-Schulter", verschleißbedingte Erkrankungen des Schultereckgelenkes, unbefallbedingte Verletzungen durch die unbedingt zu operierende Schultereckgelenkssprengung, Schulterengpasssyndrom und Oberarmkopfbrüche. Claus hob in ihren Ausführungen hervor, dass es grundverkehrt wäre, übereilt drauflos zu operieren oder zu therapieren: "Vor die effektive Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt".
Die Medizin, das nahmen die Zuhörer erfreut zur Kenntnis, ist auch in der Diagnostik sowie Behandlung von Schultererkrankungen heute schon wieder ein ganzes Stück weiter als noch vor zehn oder 15 Jahren. Wie den Ausführungen der Chefärztin mit ihren beruflichen Erfahrungen in der Kutzenberger Klinik für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie zu entnehmen war, können Patienten so nach akuten Verletzungen oder chronischen Schultererkrankungen wieder zu echter Lebensqualität finden.

Problem Prothese

Dass bei Vorträgen von Claus "die Hütte voll ist", rührt auch daher, dass sie den Zuhörern nichts vorgaukelt, sondern beispielsweise auch ohne Umschweife aufzeigt, wo die Medizin noch ihre Grenzen hat: Zur Arthrose des Schultergelenks meinte sie etwa: "Einfach ein künstliches Gelenk einsetzen und dann funktioniert alles wieder wie vorher? So ist es bei der Schulter leider nicht". Prothesen wiesen niemals die volle Beweglichkeit des gesunden Originalgelenkes auf, sie dienten eben der Verbesserung der Schmerzsituation. "Deshalb ist es wichtig, bei der Abwägung, ob hier operiert werden soll oder nicht, die Patienten im Vorfeld genau zu informieren und sie zu fragen: Was stört Sie - der Schmerz oder die Bewegungseinschränkung?", so Claus.
Die Zuhörer, die durch den Vortrag und der anschließenden Fragerunde auch für ihre eigene Situation Erkenntnisse gewannen, dankten der Referentin mit Applaus für ihre Ausführungen.