ANDREAS SCHMITT

25 Fußgruppen oder Wagen, 5000 Zuschauer entlang der Strecke: Weismain ist seit vielen Jahren die Faschingshochburg im östlichen Landkreis. Vor allem während des Gaudiwurms am Sonntag herrscht Ausnahmezustand in der Stadt mit 2600 Einwohnern. Doch seit wann wird die fünfte Jahreszeit dort so groß gefeiert ? Und warum tragen die Weismainer einen Fisch vorneweg? Es lohnt ein Blick in die Historie.
Wann genau der Faschingswahnsinn in der Jurastadt seinen Ursprung nahm, ist nicht eindeutig überliefert. Die frühesten erhaltenen Aufzeichnungen stammen aus dem späten 19. Jahrhundert. "Die Gesellschaft Erholung hat 1893 darauf hingewiesen, dass sie in den Lokalitäten des Bierbrauers Rothlauf Faschings-Unterhaltungen abhält", sagt Andrea Göldner, die bei der Stadt Weismain das Archiv leitet und bereits für verschiedene Vorträge zum Thema Fasching recherchiert hat.
Die Bälle der Vereine, so die Volkskundlerin weiter, seien große gesellschaftliche Ereignisse gewesen. "Man musste früh genug da sein, um reinzukommen", erzählt Göldner. Der Höhepunkt der fünften Jahreszeit war damals nicht der Sonntag, sondern der Faschingsdienstag, an dem der Turnverein seit 1952 Kinderumzüge organisierte.


Rheinländer gibt Nachhilfe

Um die Erwachsenen zu einem bunten Zug durch die Straßen zu bewegen, bedurfte es der Anregungen eines Rheinländers. Bernhard Stölzle, der 1950 als Tierarzt von Köln nach Weismain zog und von 1960 bis 1972 Bürgermeister war, machte die Franken mit dem Brauchtum seiner Heimat bekannt, wo Pferde und Wägen von jeher wichtige Bestandteile des Karnevals waren. Wann genau er sie überzeugen konnte, ist unklar. Göldner: "In einer Festschrift der Kolpingsfamilie wird 1958 genannt, laut Presse war es 1959."
Lange hielt die Euphorie jedoch nicht an. Bereits 1962 fiel der große Gaudiwurm erstmals aus. 1963 hatten die Bemühungen des Turnvereins wieder Erfolg, was die Zeitungen euphorisch kommentierten: "Weismains Faschingskehraus nimmt von Jahr zu Jahr jene Formen an, die sonst nur in München, Köln und anderen rheinischen Städten üblich sind." Eine Lobpreisung, die allerdings ein Jahr später schon wieder vergessen war. Am 11. Februar 1964 kamen die Zuschauer vergeblich. Die wenigen Teilnehmer hatten ein Transparent mit der Aufschrift "Vielleicht kommen die Wägen im nächsten Jahr wieder" dabei.
Ein Wunsch, der sich nicht erfüllte. Auch 1965 rollte nichts, 1966 berichtete auch die Presse nicht mehr über den Weismainer Zug. Erst 1967 ging es wieder richtig los. "Zum Abschluss der närrischen Zeit erwachten die Weismainer aus ihrem Dornröschenschlaf und zogen eine Schau auf, die sich sehen lassen konnte", schrieben die Zeitungen.


Gaudiwurm am Sonntag

Das Jahr 1968 brachte dann die entscheidenden Veränderungen. Der Gaudiwurm wurde vom Faschingsdienstag auf den Sonntag verlegt. "Da viele am Dienstag arbeiten mussten, fehlte oft die Zeit, die Wägen vorzubereiten und am Umzug teilzunehmen. Das wurde nun besser", weiß Göldner um die Bedeutung dieses Schritts. Die Organisation nahm die Kolpingfamilie in die Hand. Alle Vereine wurden nun offiziell eingeladen.
Seinen ersten Auftritt hatte 1968 auch der überdimensionale, 250 Kilogramm schwere Kaulhaaz, der seitdem jedes Jahr den Weismainer Umzug anführt. Die Kolpingbrüder hatten den Fisch, der in der Weismain und ihren Zuflüssen häufig vorkommt, liebevoll nachgebaut.
"Die Verlegung des Zuges auf den Sonntag hat sich bis heute bewährt", sagt Andrea Göldner. In den folgenden Jahren nahm das verrückte Treiben in der Jurastadt immer größere Dimensionen an. 1969 war sogar eine Lokomotive dabei, um das vergebliche Streben der Weismainer nach einem eigenen Bahnhof närrisch aufzubereiten.
1970 kamen schließlich das Stürmen des Rathauses und die Schlüssel-Übernahme hinzu. Außerdem trug Friedel Schütz in reinstem "Jura-Fränkisch" die erste Büttenrede vor.
Neuerungen, die sehr gut angenommen wurden. Der Fränkische Tag schrieb 1971: "Tausende frohgestimmte Menschen wurden gezählt, die die Kulisse für einen Faschingsumzug bildeten, wie ihn das Jurastädtchen noch nicht gesehen hatte." Allerdings, so der FT weiter, beklagte die Landespolizei, dass "der gesamte Durchgangsverkehr in alle Richtungen blockiert" wurde und sich ganze Kolonnen "missmutiger Autofahrer stauten". Der Polizeichef erklärte sogar, dass der Umzug "in dieser Form nicht mehr stattfinden darf".
Soweit kam es Gott sei Dank nicht. Bis auf 1991, als er wegen des Krieges am Persischen Golf abgesagt wurde, schlängelte sich der Tross jedes Jahr durch die Jurastadt. Und auch das Geschehen rund um die Bütt wurde immer umfangreicher. Chöre und Garden traten vor dem Rathaus auf und die Büttenrede wurde Kult. Das heutige Gesicht des Weismainer Faschings, "Till" alias Franz Besold, präsentierte seinen berühmten Narrenspiegel erstmals 1984.
Die jüngsten Erweiterungen des Weismainer Faschings gab es 2004. Seitdem stürmen die "närrischen Weiber" an Weiberfastnacht um 17.17 Uhr das Rathaus. Das Kaulhaazn-Fieber am Samstag und die Schlagerparty am Rosenmontag runden das Programm ab.
Der Höhepunkt ist aber weiter der Faschingssonntag, an dem auch 2016 wieder Tausende rufen werden: "Kaulhaazia Helau!"