Den Bamberger Symphonikern darf man durchaus konzedieren, Unkonventionelles, Ungewöhnliches nicht zu scheuen. Das bezieht sich nicht nur aufs Programm, sondern auch auf die Interpreten, wie der heutige Abend beweisen wird.
Das Konzert der Abo-Reihe B steht unter dem Motto "Jung trifft Alt". "Jung" wird vertreten durch Lahav Shani, Alt durch Menahem Pressler. Shani ist in Bamberg kein Unbekannter. 2013 gewann er den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb, sprang im selben Jahr für den erkrankten Gustavo Dudamel ein und dirigierte Bachs Klavierkonzert d-Moll und Mahlers Erste Symphonie "Titan". Außerdem stand der heute 27-Jährige beim Würzburger Mozartfest am Pult für das Orchester. Der noch sehr junge Künstler, geboren in Tel Aviv, dirigierte bereits die Wiener Philharmoniker und die Wiener Symphoniker, für die er als Erster Gastdirigent wirkt. Ab September 2018 wird er Chefdirigent des Rotterdam Philharmonic Orchestra.


Legendärer Musiker

Die Rolle des "Alten" übernimmt Menahem Pressler. Wäre der Begriff "Lebende Legende" nicht so abgedroschen, müsste man ihn unbedingt auf den 92-Jährigen anwenden. Er ist der älteste noch konzertierende Pianist der Welt. Der in Magdeburg geborene Pressler musste 1939 aus Deutschland fliehen und startete nach dem Zweiten Weltkrieg eine Laufbahn als Pianist. Mit dem Beaux Arts Trio wurde er einer der renommiertesten Kammermusiker weltweit. Dieses Trio gibt es seit 2008 nicht mehr. Seitdem spielt Pressler - der bei den Bamberger Symphonikern heute sein Debüt gibt, so wie er mit über 90 Jahren mit den Berliner Philharmonikern zum ersten Mal auftrat - mit dem Juillard, Emerson oder Cleveland Quartet. Mit seinem Beaux Arts Trio, dem am längsten bestehende n Kammerensemble aller Zeiten, war er in den siebziger Jahren schon einmal in Bamberg. Aber als Solist in einem Klavierkonzert eben noch nie. Pressler ist Schüler der Dirigentenlegende Bruno Walter, der wiederum als Assistent von Gustav Mahler wirkte. Auch hier ergibt sich also ein Bezug zu Bamberg und dessen auf Mahler spezialisiertes Orchester. Er fühle sich wie 50, wenn er Klavier spiele und wie 40, wenn er unterrichte - das sagte Menahem Pressler vor Kurzem in einer Radiosendung. Nur wenn er Treppen steigen müsse, spüre er sein wahres Alter. Darum meide er die Treppen - und suche nach wie vor den Platz am Flügel.
Alt trifft heute Jung in der Konzerthalle ab 19.30 Uhr auch noch in weiterer Hinsicht. "Alt" war Mozart natürlich nicht, als er sein Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur KV 595 schrieb. Aber es war immerhin das Todesjahr des knapp 36-Jährigen. Johannes Brahms' komponierte seine "Zwei Sarabanden für Klavier" als 21-Jähriger und entfaltete hier schon seine Meisterschaft. Im Encore-Projekt der Bamberger Symphoniker, der kurzen Zugabe, sind "Two Sarabandes" von Alexander Goehr zu hören, der sich auf Brahms bezieht. Jedoch ist Goehr 83 Jahre alt. Gewiss ein reizvoller Kontrast. Goehr ist ein englischer Komponist, der vor allem Werke fürs Musiktheater schrieb.
Den Kern des Abends wird die "große" C-Dur-Symphonie Nr. 8 D 944 von Franz Schubert bilden. Sie gilt als der Gipfel von Schuberts symphonischem Schaffen, wurde erst nach dem Tod des unglücklichen Komponisten in Leipzig unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy uraufgeführt und hat sich zu einem Klassiker entwickelt, der Schumann zu dem Urteil "wie ein Roman in vier Bänden" hinriss. rg