Jutta Behr-Groh

Am 12. Januar geht der sogenannte Chefarzt-Prozess vor dem Landgericht weiter. Wann die Zweite Strafkammer das Urteil sprechen wird, lässt sich nicht abschätzen. Noch sind nicht alle Zeugen vernommen und es stehen noch mehrere medizinische und psychologische Gutachten aus.
Von den Ergebnissen der bisherigen Beweisaufnahme fühlen sich alle Prozessbeteiligten in ihren jeweiligen Positionen bestätigt. Die Verteidigung glaubt, dass die Unschuld von Heinz W. eher untermauert worden ist. Für Staatsanwaltschaft und Vertreter der zwölf Nebenklägerinnen - die mutmaßlichen Opfer des früheren Chefarztes - hat das Gehörte den Anklagevorwurf dagegen weiter erhärtet.
Das geht aus den nachfolgenden Einschätzungen hervor, die die Beteiligten gegenüber der Lokalredaktion zu Beginn der Weihnachtspause im Verfahren abgegeben haben.


"Vorwürfe bestätigt"

Für die Anklagebehörde äußerte sich nicht Leitender Oberstaatsanwalt Bernd Lieb, der dem Prozess beiwohnt, sondern Christoph Rosenbusch, der Sprecher der Staatsanwaltschaft am Landgericht Bamberg. Er teilte mit, dass die Staatsanwaltschaft "nach vorläufiger Bewertung der bisherigen Beweisaufnahme die Vorwürfe der Anklageschrift bestätigt sieht". Dies sind Vergewaltigung in zehn Fällen, gefährliche Körperverletzung, sexuelle Nötigung und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen. Weil es sich um laufendes Verfahren handelt, wollte Rosenbusch nicht mehr dazu sagen.


Mehr Fragen als vorher

Sehr bedeckt hielt sich auch die Verteidigung. Obwohl insbesondere Professor Klaus Bernsmann (Bochum) und seine Kollegin Katharina Rausch (Köln) im Prozess nicht müde werden, auch den Medien eine Vorverurteilung ihres Mandanten vorzuwerfen, reagierten sie nicht auf die Bitte der Lokalredaktion, den Stand der Dinge aus ihrer Sicht zu kommentieren. Schließlich nahm der Bamberger Rechtsanwalt Dieter Widmann, W.s dritter Wahlverteidiger, kurz Stellung. Er sagt, die Sichtweise der Verteidiger auf die Anschuldigungen gegen den 50-Jährigen habe sich seit Prozessbeginn nicht verändert. Dafür hätten sich die Bedenken, die er und seine beiden Kollegen gegen die Ermittlungen hegen, durch die Beweisaufnahme eher noch bestätigt. Die bei Heinz W. sicher gestellten Bilder von nackten Frauenunterkörpern seien falsch bewertet worden. Auch in die Ultraschalluntersuchungen habe die Polizei sexuelle Motive interpretiert, die es nicht gebe. W.s Handlungen seien medizinisch bedingt und erklärbar. Das hat die Beweisaufnahme seiner Meinung nach erhärtet. Widmann wörtlich: "Die Zeugenangaben haben eher mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet." Martin Reymann-Brauer (Erlangen), der sechs der mutmaßlich 13 geschädigten Frauen vertritt, zieht nach einem aus seiner Sicht "quälenden Prozessverlauf" folgende Zwischenbilanz: "Immerhin sind seit dem 22. Dezember zwölf von 13 Opfern als Zeuginnen gehört worden.


"Quälender Prozessverlauf"

Die Verteidigungslinie des Angeklagten, er habe aus rein medizinischen und wissenschaftlichen Gründen gehandelt, steht im Widerspruch dazu, dass alle zwölf Zeuginnen Zustände beschreiben, die auf eine Narkotisierung hinweisen; sie haben keine Erinnerung an die Übergriffe. Deshalb hat der Angeklagte versucht, die Glaubhaftigkeit der Zeugenaussagen in Frage zu stellen. Dies hat die Zeuginnen naturgemäß belastet, weil darin, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, die Behauptung steckt, die Zeuginnen würden den Angeklagten zu Unrecht belasten."
Am letzten Prozesstag im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass die Verteidiger mit der Staatsanwaltschaft ein Verständigungsgespräch versucht haben. Reymann-Brauer zieht für seinen Teil daraus den Schluss, "dass jedenfalls ein Freispruch auch nicht mehr auf der Agenda der Verteidigung steht".
Jürgen Scholl (Schweinfurt) vertritt die Hauptbelastungszeugin, die als Praktikantin im Klinikum Opfer von Heinz W. geworden sein soll und in deren Blut das Hypnotikum Midazolam nachgewiesen worden ist. Für Polizei und Staatsanwaltschaft ist das eines der entscheidenden Indizien für die Täterschaft von Heinz W.
Aus Scholls Sicht haben sich durch die bisherige Beweisaufnahme die Vorwürfe gegen W. erhärtet: "Es gab keine Mitarbeiter im Klinikum, die in die ominösen Untersuchungstechniken des Angeklagten eingeweiht waren. Er hatte jederzeit Zugriff auf das Hypnotikum Midazolam. Wir wissen jetzt, dass der Bestand immer wieder aufgefüllt und grundsätzlich nicht gefragt wurde, wer wie viel verbraucht hat. Wir haben auch gehört, dass Midazolam in der Gefäßheilkunde üblicherweise nicht eingesetzt wird."


"Zeuginnen absolut glaubwürdig"

Der überzeugendste Beweis sind seiner Einschätzung nach die Erinnerungslücken, die alle mutmaßlichen Opfer nach einem Besuch in der Gefäßklinik bei W. "absolut glaubwürdig" geschildert hätten: "Zwölf Frauen, von denen sich die allermeisten vorher nicht oder kaum gekannt haben; von denen keine gefragt wurde, ob er fotografieren oder filmen darf. Und von denen keine eine Erklärung dafür hat, warum er sie aus angeblich medizinischen Gründen betäuben musste."
Es widerspricht nach Scholls Worten auch "jeder Lebenserfahrung, dass ein Chefarzt für angeblich medizinische Zwecke Gegenstände verwendet, die er als Privatmann von einem Sexversand bezogen und privat aufbewahrt hat". Der Schweinfurter Nebenklägervertreter weiter: "Die Wahrheit ist: Er hatte keine Legitimation, meine Mandantin und die anderen Frauen intim zu berühren und zu fotografieren. Jedes Bild war eines zu viel." Was seine Mandantin betreffe, werte er die Fotos "als Pornografie und nicht als Wissenschaft".