Zu "Hair" im Landestheater Coburg :

Ich hatte "Hair" während meines Studiums in den USA 1969 zweimal hintereinander als damals völlig neues und unbekanntes Stück in San Francisco gesehen - und war begeistert! Später habe ich es in Deutschland zweimal gesehen und war jedes mal enttäuscht, weil zwar die schmissigen Songs vorgetragen wurden, aber der in dem Stück enthaltene Geist fehlte: Die Schauspieler lebten nicht in ihren Rollen wie die Darsteller damals 1969 in San Francisco. Es fehlte die Authentizität!
Das Coburger Landestheater hat es geschafft, das Stück so auf die Bühne zu bringen, dass ich mich fast in die Hippie-Zeit zurückversetzt fühlte. Ich hätte auf meinem Sitz am liebsten mitgerockt (auch wenn ich nun fast 45 Jahre älter bin als damals!). Es ist dem Ensemble gelungen, das Lebensgefühl der damaligen Hippie-Jugend glaubhaft zu verdeutlichen.
Aber eines ist dennoch schade: Die Gespräche werden in Deutsch geführt, und - richtigerweise - die Songs in Englisch. Doch geht damit der großartige Hintergrund des Ganzen verloren, weil für Viele nur die schmissige Melodie und der Tanz erkennbar sind, aber die Philosophie des Stückes nicht deutlich wird. Beispiel: Direkt nach dem mörderischen Kriegs-Song "Prisoners in nigger town", in dem die Gräuel des Krieges und des damals noch in vollem Gang befindlichen Vietnam-Krieges geschildert werden, folgt das Lob des Menschen "what a piece of work is man", seiner Vernunft und seiner engelsgleichen Fähigkeiten mit dem Textstück aus "Hamlet". Wer den Text nicht kennt oder den gesungenen Text akustisch nicht versteht, bekommt Philosophie und Hintergrundgedanken nicht mit.
Wäre es nicht sinnvoll, diese englischen Texte übersetzt auf der Texttafel mitlaufen zu lassen, wie dies bei italienischen Operntexten auch geschieht? Ich meine, dass damit ein eindrucksvolles Stück Tiefgang gewinnt.       Hans-Heinrich Eidt, Coburg