VON Hans Werner Penning

Bamberg — Untrennbar verbunden mit dem ersten Weltkrieg vor 100 Jahren sind Namen berühmter Schlachten wie Verdun, Tannenberg oder Flandern. Ein anderer Ort ist besonders im Bamberger Land in mehr oder weniger guter Erinnerung geblieben: Lagarde. Der kleine Ort in Lothringen war am 11. August 1914 Schauplatz eines blutigen Geschehens, das die Kriegsgeschichte verändern sollte. Daran beteiligt war auf deutscher Seite ein Kavallerie-Regiment, das in Friedenszeiten seine Kaserne in Bamberg hatte: Das "1. Königliche Bayerische Ulanen-Regiment", das keinem Geringeren als dem deutschen Kaiser gewidmet war. Bis heute erinnern am Ulanenplatz ein Reiterdenkmal und die Kasernen in der Nürnberger Straße an diese große militärische Vergangenheit.

Reiter und ein Fahrrad-Regiment

Damals aber war die Sache blutiger Ernst. Denn das Kriegsziel Frankreichs war vor allem die Rückgewinnung von Elsaß-Lothringen, das nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 deutsches Reichsland geworden war. Um das zu verhindern, war die siebte deutsche Armee, bestehend vor allem aus bayerischen Regimentern (ein Regiment entspricht ungefähr einer heutigen Brigade) an der französischen Grenze aufgezogen. Etwa 25 Kilometer östlich von Nancy kam es zu ersten Gefechten. Französische Einheiten hatten sich um den lothringischen Ort Lagarde festgesetzt und das konnte man von deutscher Seite "nicht ungestraft hingehen lassen", wie es in einem Bericht heißt.
Seit einigen Tagen lagen die beiden bayerischen Ulanen-Regimenter aus Ansbach (Nr. 2) und Bamberg an der lothringischen Front, und die sollten in altbewährter Manier - denn bisher war die Kavallerie das beweglichste Element der Schlachtordnung - die Sache wenden. Etwa 1100 Berittene, unterstützt von einem preußischen Fahrrad-Regiment, traten als "Kavallerie-Division" zum Angriff an. Mit dabei war der 1893 geborene Johann Storath aus Ebensfeld, aus dessen Erinnerungen die folgenden Geschehnisse vor 30 Jahren überliefert sind.
Der zu Kriegsbeginn 21-Jährige war im Jahr zuvor zu den Bamberger "Kaiser-Ulanen" eingezogen und ausgebildet worden. Jetzt stand man also am Feind und am späten Vormittag formierten sich die vier Bamberger Schwadronen - etwa 550 mit Säbeln, Lanzen und Karabinern bewaffnete Reiter - zum Angriff. Der Kommandeur, Oberst Freiherr von Crailsheim, gibt dass Signal zur Attacke.
Kurz darauf jagen drei Eskadronen - eine vierte war als Reserve abgestellt - im Galopp durch die Flur in Richtung Süden. In den Haferfeldern hat sich französische Infanterie versteckt, die sich zunächst "tot" stellt und die Reiterei passieren lässt, dann aber von rückwärts in die Reiter schießt. Hohe Verluste entstehen der Kavallerie aber vor allem durch Artilleriefeuer und ein Maschinengewehr, das auf dem Kirchturm von Lagarde unerreichbar für die Ulanen in Stellung gegangen ist und unablässig Tod und Verderben für Reiter und Pferde sendet, erinnerte sich Johann Storath. Lange, viel zu lange, kann es nicht ausgeschaltet werden, bis einigen Berittenen der Durchbruch gelingt und sie die Kirche erreichen. Die hier verschanzten Franzosen überleben die Sache zwar nicht, dennoch haben die Bamberger Ulanen einen allzu hohen Blutzoll zahlen müssen. 95 Männer sind gefallen und auch auf französischer Seite muss es hohe Verluste gegeben haben.
Nicht wenige seiner Kameraden der dritten Schwadron lassen ihr Leben zudem in einem Kanal, der zu überqueren ist. Johann Storath gelingt es, eine Brücke zu "erwischen", bevor der Angriff an der Straße Xures - Lagarde zum Halten kommt. Die erste Schwadron sammelt sich nördlich von Lagarde.
Ein Zurück gibt es nicht: "Beim Angriff, do is neiganga", macht Storath die Opferbereitschaft deutlich. Bis zum Ende des Krieges wurde er mit dem Eisernen Kreuz und dem Bayerischen Militärverdienstorden ausgezeichnet. Persönlicher Mut war am meisten gefordert, hatte doch der Rittmeister von Lilgenau beim Abschied aus Bamberg seinen Kameraden noch "viele Reiterattacken" gewünscht.

Kriegsgeschichte geschrieben

Trotz des am Ende erfolgreichen Angriffs geben die hohen Verluste der Obersten Heeresleitung des deutschen Kaiserreiches zu denken. Man hatte die Sinnlosigkeit erkannt, Reiterei hoch zu Ross gegen gut gedeckte Stellungen mit Geschützen und vor allem Maschinengewehren anrennen zu lassen. Das ist die bittere Erkenntnis der Schlacht von Lagarde. Deshalb wurden auch die Bamberger Kaiser-Ulanen schon 1915 an die noch nicht so mechanisierte Ostfront verlegt, wo sie bis zum Ende 1919 kämpften. Und am Ende sogar mithalfen, Geschichte zu schreiben, deren Auswirkungen heute, 100 Jahre später, plötzlich bei der Ukraine-Krise wieder spürbar geworden sind.

Russische Erde für "Brotfrieden"

Denn nach der russischen Oktober-Revolution von 1917 kam es zwischen Russland und den Mittelmächten im März 1918 zum Frieden von Brest-Litowsk. Das nunmehr sowjetisch regierte Russland musste an das Deutsche Reich große Gebiete bis zur Krim abtreten, dabei auch das Zentrum der russischen Schwerindustrie in Südrussland zwischen Don und Dnjepr mit Städten wie Charkow, Donezk, Lugansk oder Dnjepropetrowsk. Betroffen davon waren etwa 50 Prozent der russischen Bevölkerung und drei Viertel der Schwerindustrie des ehemaligen Zarenreiches.
Um hier die deutsche Oberhoheit aufzurichten, kam auch das kaiserliche Ulanen-Regiment aus Bamberg zum Einsatz. "Südrussland einschließlich der Krim war damals deutsch", erinnerte sich Johann Storath, bevor es mit dem Versailler Vertrag Januar 1919 wieder aufgegeben werden musste. Erst am 9. Februar 1919, also lange nach dem Waffenstillstand im Westen, ritten die Bamberger Kaiser-Ulanen wohlgeordnet und diszipliniert wieder in Bamberg ein.
Doch nicht nur mit Russland war im Frühjahr 1918 Frieden geschlossen worden, sondern auch mit der Ukraine. Und von diesem neu gebildeten Staat erhoffte sich das Deutsche Reich vor allem Lebensmittel, man sprach deshalb vom "Brotfrieden". Als Gegenleistung wurde der Ukraine das ehemals russische Schwerindustrie-Revier zwischen Dnjepr und Don überlassen, das heute - unter großen Schmerzen - wieder den Anschluss an Russland anstrebt. Auf die Lebensmittel-Lieferungen wartete man allerdings in Deutschland vergeblich. Mit der Ausweitung der bolschewistischen Revolution auf die Ukraine nach 1920 wurde diese Abtretung auch nicht mehr rückgängig gemacht - das "Donbaz" blieb ukrainisch, ist aber eigentlich russische Erde.
Genützt hat dieser diplomatische Schachzug dem Deutschen Reich anno 1918 ebenfalls nicht. Denn um diesen "Gewaltfrieden" mit Russland aufrecht zu erhalten, bedurfte es starker militärischer Kräfte. Rund eine Million Soldaten - nicht nur die Bamberger Kaiser-Ulanen - blieben im Osten gebunden und wären an der Westfront für den Sieg dringend benötigt worden. Das sah man auch an der Front so und die Moral der Soldaten dort sank auf den Tiefpunkt.

Harakiri statt "Dolchstoß"

Etwa 42 000 Männer sollen laut Heeresbericht am "schwarzen Tag des deutschen Heeres", dem 8. August 1918, gefallen sein, doch dem war nach neueren Erkenntnissen nicht so. Ein großer Teil davon dürfte stattdessen die kaiserliche Unvernunft satt gehabt und die Seiten gewechselt haben - ein Protest mit den Füßen gegen die Unmäßigkeit der kaiserlichen Administration. Nach diesem 8. August war die Fortsetzung des Krieges illusorisch. Den viel zitierten "Dolchstoß" haben sich die politisch Verantwortlichen also wohl selber beigebracht. Das Wort Harakiri wäre deshalb für diese kaiserliche Strategie gewiss angebrachter.