Appetitlich sind sie nicht, die kleinen Tannen, die Lutz Muster, Matthias Deuerling und Christian Völk im Mönchrödener Forst in den Boden bringen. Sie wurden in eine Flüssigkeit mit Bitterstoffen getaucht, damit sie Rehen nicht schmecken. Das ist nötig. Die Tanne ist in unseren Wäldern selten, und seltene Pflänzchen finden Rehe ganz interessant.
Die Pflanzaktion soll dazu beitragen, die Tanne wieder etwas häufiger werden zu lassen. "Wir streben an, in allen Beständen mindestens vier Baumarten zu bekommen", erklärt Förster Fabian Hecker vom Forstbetrieb Coburg der Bayerischen Staatsforsten. Das Klima droht sich schneller zu verändern, als der Wald Schritt halten kann. Daher ist die Forstwirtschaft bemüht, den Umbau voranzutreiben. "Mit größerer Vielfalt sollen die Wälder für den Klimawandel gerüstet werden", sagt der Leiter des Forstbetriebs, Albert Schrenker. Vielfalt, weil keiner so genau weiß, was gerade in unserer Region die Folgen des Klimawandels sein werden. Je bunter also die Mischung der Baumarten, desto größer die Wahrscheinlichkeit stabiler Wälder.


Die Fichte geht zurück

Dass die Fichte in unseren Breiten bei fortschreitender Erwärmung eine immer kleinere Rolle spielen wird, darin sind sich die Fachleute einig. Aber ebenso darin, dass die Nachfrage vor allem nach Nadelholz am größten ist. Die Tanne könnte ein guter Nachfolger der Fichte werden. "Sie hat ihre Vorteile", sagt Albert Schrenker. Als Tiefwurzler kann sie Stürmen besser trotzen als die Fichte. Sie verträgt Schatten viel besser und kann daher - wie jetzt gerade - gut als Vorbau etwa unter hohen Buchen gepflanzt werden. Auch bei der Verarbeitung bietet Tannenholz einen Vorteil. Anders als Fichtenholz harzt das der Tanne nicht. Trotzdem wird sie von Sägewerkern nicht besonders geschätzt. "Ich habe verschiedene gefragt, aber so richtig begründen können sie das nicht", sagt Schrenker.
"Es gibt andererseits Spezialisten, die unbedingt Tanne kaufen wollen", weiß Fabian Hecker. So gibt es kurioserweise bei uns Nachfrage aus Japan nach Tannenholz. Dort setzt man anstelle von Grabsteinen Holztafeln. Dafür, so Hecker, sei die Tanne erste Wahl.
"Wirtschaftlich spielt diese Baumart bei uns derzeit kaum eine Rolle", stellt Albert Schrenker fest. Nur vereinzelt findet er noch Tannen in den Wäldern des Coburger Landes. Früher war das anders. Vor rund 100 Jahren war die Tanne hier häufig und im Frankenwald machte sie fast die Hälfte aller Bäume aus. Doch die Tannen wurden gefällt und an ihrer Stelle Fichten angebaut. Ein Fehler, der sich nun zu rächen droht.
Für die Wälder der Bayerischen Staatsforsten hat Vorstandsvorsitzender Martin Neumeyer eine "Tannenoffensive" ausgerufen. In den kommenden Jahrzehnten soll ihr Anteil bis 2050 von jetzt zwei auf dann sechs Prozent aller Bäume der Staatsforsten erhöht werden. Rund drei Millionen Euro geben die Staatsforsten derzeit jährlich für Tannenpflanzungen, ihre Pflege und ihren Schutz aus. Schrittweise wird dieser Betrag in den kommenden Jahren auf fünf Millionen im Jahr steigen. Auch für Neumeyer steht fest: "Die Tanne ist eine Zukunftsbaumart, die in Zeiten des Klimawandels eine wichtige Rolle spielen wird."


Das Klima ändert sich schon

Das Jahr 2050 haben auch Klimaforscher als Zeitmarke im Blick. Bis dahin erwartet Heiko Paeth, Professor für Physische Geographie an der Uni Würzburg, in Franken bereits deutlich spürbare Veränderungen des Klimas. Die Vegetationszeit könnte sich bis dahin um bis zu zwei Monate verlängert haben. Für die Winter erwartet er deutlich mehr Niederschläge, während die Sommer noch viel trockener werden könnten. Wetterextreme wie Starkregen, Stürme oder Kälteperioden könnten häufiger über uns kommen. Dass die Menschheit dagegen wirksame Maßnahmen ergreifen wird, was sie wohl könnte, erwartet der Wissenschaftler nicht: "Wir waren 2007 beim Klimaschutz weiter als heute", sagte er vor wenigen Wochen beim "Klimagipfel" der Initiative Rodachtal in Seßlach.
Die Tannenoffensive (es gibt noch weitere Pflanzprogramme, etwa für Eiche oder Douglasie, je nach Standort) kommt also keineswegs zu früh. In diesem Jahr lässt Fabian Hecker 2300 kleine Tannen in Gruppen verteilt auf etwa zehn Hektar pflanzen. Bis diese Verjüngung der Bestände mit Tannen stattlicher Höhe Blicke auf sich zieht, werden wohl an die 60 Jahre vergehen. Doch die bis dahin immer weiter verteilten Tannen werden auch für Naturverjüngung sorgen. So wird die Baumart nach und nach wieder an Bedeutung in unseren Wäldern gewinnen.


Hohe Massenleistung

Mag die Tanne auch hohe Standortansprüche an die Bodenkraft und -feuchtigkeit stellen, so hat sie doch, wie Albert Schrenker betont, unter den deutschen Nadelhölzern die höchste Massenleistung. Kein Wunder also, dass es durchaus ein großes Interesse der Forstwirtschaft gibt, der Baumart wieder mehr Geltung zu verschaffen, die in der Vergangenheit mehr als die Hälfte ihres früheren Verbreitungsgebietes verloren hat.