Eine Schwangerschaft ist immer eine Extremsituation, etwas Existenzielles. Ob geplant, glücklich verheiratet oder aus heiterem Himmel. Bei Frauen, die in einer festen Partnerschaft leben, aber schon länger gegen das innere Frühwarnsystem ankämpfen und sich nicht trennen können, löst eine Schwangerschaft möglicherweise Panik aus: "Ein Kind ist immer etwas Verbindliches", befindet Martina Nowak von der Schwangerschaftsberatungsstelle der Caritas Bamberg.

Damit all die Frauen nicht alleine dastehen, die mit einer Schwangerschaft vollkommen überfordert sind, gibt es Beratungsstellen. Im Landkreis Haßberge ist das zum Beispiel die staatlich anerkannte Schwangerenberatungsstelle am Gesundheitsamt Haßfurt.


Personal gibt es auch in Haßfurt

Für die Region III - also Rhön-Grabfeld, Schweinfurt, Bad Kissingen und Haßberge - "ist in jeder Schwangerenberatungsstelle eine Kollegin zum Thema vertrauliche Geburt fortgebildet worden", weiß Christiane Seidel, Sozialpädagogin. Da es "in unserer Region bisher keinen entsprechenden Fall" gab, werfen wir einen Blick über die Grenze des Verbreitungsgebietes Haßberge.

Denn mehr als die Hälfte der Frauen (55 Prozent) wissen nicht, dass sie ein Recht auf Beratung haben. Das teilte aus aktuellem Anlass auch das Familienministerium mit. Nicht nur in extremen Krisensituationen, Familien haben grundsätzlich ein Recht auf anonyme Beratung durch die Fachkräfte in 1600 regionalen Beratungsstellen.
In Bamberg gibt es gleich drei davon, damit die Frau in Not - auch aus der Region - entscheiden kann, welcher Beraterin sie sich anvertraut: Caritas, Donum Vitae und Pro Familia. Jede der Einrichtungen hat eine Mitarbeiterin, die eine vertrauliche Geburt begleiten könnte und in Rufbereitschaft steht. Wobei die Frauen davon ausgehen, "dass die Fälle abzählbar sein werden", sagt Martina Moreth.

Beschäftigt haben sich Familien-Pädagoginnen auch schon vor dem Gesetz mit anonymen Geburten, doch jetzt können Frauen wie Anna J. und andere "gesichert und medizinisch betreut anonym entbinden", erklärt Martina Nowak.

Anna J. (Name von der Redaktion geändert) ist nur eine dieser Frauen, die aus dem Nachbar-Landkreis mit vielen Zweifeln und Ängsten während der Schwangerschaft geplagt war. Die junge Frau hatte in ihrem engsten Umfeld keinen Platz, keinen Raum - nicht einmal für den Gedanken, bald Mutter zu sein. Stattdessen hat sich die junge, gut ausgebildete Frau, die in ihrem Leben schon mehrere schwere Konflikte austragen musste, mit Adoption und im Laufe der Beratung dann auch mit dem neuen Gesetz zur vertraulichen Geburt auseinandergesetzt.

Von außen betrachtet lebte die Frau in einer scheinbar normalen Beziehung, "von innen hatte sie das Gefühl, nicht mehr rauszukommen", erinnert sich die Pädagogin, die als einzige den wahren Namen der damals schwangeren Frau kennt und in mehreren Gesprächen versucht hat, eine Lösung zu finden.

Das Recht auf eine vertrauliche Geburt ist für die Pädagoginnen zwar eine "Notlösung", sagt Freya Zechmair von Pro Familia stellvertretend: "Aber was wäre die Alternative? Innerhalb des Konflikts gibt es den idealen Weg nicht." Ein Ziel des Gesetzes ist, dass Frauen, die ihr Kind in einem rechtssicheren Rahmen geheim zur Welt bringen können, nicht hilflos überreagieren und so vor einer Kindstötung bewahrt werden, weil sie in ihrer Überforderung doch noch einen Ausweg erkennen. Eine Geburt, ohne dass die Mutter dabei ihren richtigen Namen preisgeben muss, zeigt die Perspektive auf, "dem Kind ein Leben zu ermöglichen", erklären die geschulten Beraterinnen. "Diese Verantwortung für die Entbindung ist da. Und auch für das Kind", sagt Freya Zechmair.


Rechtliche Hintergründe

Entscheidet sich eine Frau für eine vertrauliche Geburt, entscheidet sie sich irgendwo auch für ein zweites Leben. Eines, das sie ganz alleine bewältigen muss, schließlich will sie das Kapitel Schwangerschaft mit keinem anderen Menschen teilen - zumindest vorerst. Nach 16 Jahren kann der Name der Mutter preisgegeben werden. Nur in absoluten Ausnahmefällen kann der Herkunftsnachweis verweigert werden. Bei einer vertraulichen Geburt sollen auch die Rechte des Kindes gestärkt werden, das nicht in Ungewissheit über seine Abstammung leben soll. So weit die rechtlichen Rahmenbedingungen.

Im ersten Jahr "Vertrauliche Geburt" haben sich insgesamt 95 Frauen in Deutschland für eine geheime Entbindung entschieden. Seit Mai 2014 konnten laut Familienministerium über das Hilfetelefon rund 4200 Beratungsgespräche geführt werden.

Beispiele, die zeigen, wie es nach der Entscheidung für die Frauen und Kinder - oder auch für die Väter - weitergeht, gibt es aber noch nicht wirklich. Immerhin kann sich die Mutter, bis das Adoptionsverfahren abgeschlossen ist - erfahrungsgemäß nach circa einem Jahr -, für ein Leben mit dem Kind entscheiden und es doch noch selbst großziehen. Selbstverständlich muss sie dann aber ihre Anonymität aufgeben.

Anna J. bleibt für diese eine beispielhafte Geschichte aus dem Leben einer überforderten, hilflosen schwangeren Frau zwar anonym, hat sich kurz vor dem Entbindungstermin aber dazu entschieden, selbst für das Kind da zu sein - hoffentlich mit viel mehr Freude als Sorge.