von unserem Mitarbeiter Markus Häggberfg

Lichtenfels — Ein Polizeistern wandert langsam über den schwarzen Bildschirm. Bildschirmschonermodus. Ab und an blinkt ein Zeichen auf und vermeldet, dass jemand auf Daten dieses PCs zurückgreift. Es ist kurz vor 22 Uhr und auf der Polizeidienststelle in Lichtenfels herrscht eine Form der Tristesse. In wenigen Minuten beginnt das Achtelfinalspiel der DFB-Elf gegen Algerien. Die Männer, die hier arbeiten, wären jetzt lieber zuhause oder beim Public Viewing.
Der Gruppenraum ist neu, geradezu modern und mit schlichtem Chic. Ein Flachbildfernseher hängt an der Wand gegenüber der Kaffeemaschine. Er bleibt ausgeschaltet, denn er ist zu weit weg vom Arbeitsalltag, zu weit entfernt vom möglichen Publikumsverkehr, zu weit von den Telefonen. Wer hier ab und an einen Blick auf das Spiel, welches nur wenige hundert Meter entfernt in ausgelassener Geselligkeit beim Public Viewing auf dem Marktplatz verfolgt wird, werfen möchte, muss das zwischen Tür und Angel tun und vorlieb mit einem alten Grundig-Röhrengerät in einem Arbeitsraum nehmen.

Die Katze auf einem Hausdach

Alexander Langbein setzt sich in diesem an die Ecke einer Tischkante. Er trinkt Wasser und lauscht dem Feuerwehrfunk. Der gibt soeben durch, dass eine Kleintierrettung ansteht und eine Wehr für eine Katze auf einem Hausdach ausrückt. "Ich würde jetzt im Sportheim schauen", sagt der Polizeioberkommissar (POK) und bedauert, dass man "zwischen Tür und Angel nichts von den Interviews mitkriegt".
Im Sportheim und mit Freunden wäre das jetzt anders. Schon bei einem der letzten Fußballgroßereignisse hat Langbeins Schicht Dienst geschoben. Ärgerlich. Aber es ist, wie es ist und dass er wegen Fußball einen Kollegen um Diensttausch ersuchen würde, das ginge nun doch zu weit, erklärt Langbein. Aber immerhin, man behilft sich. "Beim USA-Spiel hat die Schicht eher angefangen, damit die Folgeschicht Zeit hat, rechtzeitig zum Anpfiff daheim zu sein. Damit sie nicht vor lauter Raserei einen Unfall bauen." Und auch heute greift ein kleiner Trick, denn die Streifen wechseln so durch, "dass jeder eine Halbzeit schauen kann".
Wirklich schauen tut hier aber kaum einer. Polizeihauptmeister (PHM) Tobias Michalke sitzt weit entfernt und befasst sich mit einem Wildunfall. Es ist 22 Uhr und Anstoß, den Anstoß für Michalkes Tätigkeit hingegen bilden ein getötetes Tier und ein Versicherungsschaden. Auf die Frage, warum er nicht den Spielbeginn verfolge, führt er Pragmatismus an: "Wir müssen es erfassen, es kann ja sein, dass die Dame eine Bescheinigung über den Wildunfall für die Versicherung abholen will." Der PHM sitzt hinter dem Glasfenster und wäre Ansprechpartner, sobald ein Hilfe suchender Mensch die Wache beträte. Rezeptionist, sozusagen. Jetzt meldet sich das Faxgerät, eine Nachricht will geprüft werden.
2:0, 3:0, 3:1 - am Ende des Spiels wird keiner aus der Tippgemeinschaft recht behalten haben. Das 2:1 wird von niemandem vorhergesehen, der Sieg schon. "Wir sind alle Patrioten", meint Langbein schmunzelnd. Es ist 22.10 Uhr, er steht auf und wundert sich: "Man hört nix mehr vom Feuerwehrfunk - wahrscheinlich wird die Katze in der Halbzeit gerettet."
Dass es grundsätzlich möglich ist, ab und an einen Blick auf das Spielgeschehen zu werfen, hält Langbein im Sinne der Arbeitszufriedenheit für wichtig. "Wenn der Chef kommen und sagen würde: TV aus ...", den Rest des Satzes ersetzt der Mann durch ein skeptisches Gesicht. Durchsagen an Kollegen bezüglich des Spielstands gibt es nicht. Die gab es damals bei der WM 2006 zu seiner Zeit in Bamberg an die Einsatzgruppen.
Heute gibt es Smartphones, die melden veränderte Spielstände von selbst. Die Dienstgruppe des heutigen Tages hat sieben Mitarbeiter. Das Achtel-, Viertel- und mögliche Halbfinale wird sie, wenn, dann hier sehen. Der Raum ist leer, der Fernseher flimmert vor sich hin und PHM Markus Hummel setzt sich an den Schreibtisch. Er blättert in Papieren, macht ein nachdenkliches Gesicht. Bald wird er aufstehen, die ankommende Streife begrüßen. Ein Polizeioberkommissar aus dieser sieht seinen Dienst mit Humor und gelassen. "Ich habe 40 Jahre Dienstjubiläum - da ist man einiges gewöhnt."
22.17 Uhr - die Feuerwehr gibt über Funk durch, die Katze jetzt retten zu wollen. 23.58 Uhr. Das erste Tor fällt, ein erlösendes für die deutsche Mannschaft. Das bekommt in der Wache niemand live mit. Erst zur Wiederholung sind die Beamten zur Stelle und schauen gebannt in das Gerät und Michalke versucht, ohne Ball den Trick des Torschützen Schürrle nachzuahmen, der das Rund hinter dem eigenen Rücken in die Maschen setzte.
Der Sieg zeichnet sich ab, ein stimmungsvolles WM-Erlebnis sieht aber anders aus. Dann, nach zwei weiteren Toren, ist das Spiel kurz vor 0.30 Uhr aus und der Sieg kaum noch Thema. Die Nachtschicht wird wieder vollends gewöhnlich. Jemand macht sich Kaffee. Ein Polizeistern wandert über einen schwarzen Bildschirm.