von unserem Mitarbeiter  Lukas Reinhardt

Bamberg — Ein Café in der Bamberger Innenstadt. Der triste, kalte und regnerische Herbstnachmittag lässt die Menschen nur so lange wie nötig draußen vor der Tür verweilen. Alle drängen sie in die Wärme. Wie auch Daniel Seniuk, der in einer abgelegenen Ecke einen noch freien Platz am Fenster findet. Er bestellt ein Kännchen heißen Ingwer-Tee, um die tief in den Knochen steckende Kälte zu vertreiben.
Daniel Seniuk besitzt ein Alleinstellungsmerkmal im Schauspieler-Ensemble am E.T.A.-Hoffmann-Theater, dem er seit dieser Spielzeit neu angehört: Er ist dort der einzige gebürtige Bamberger. Aufgewachsen in Burgebrach und zur Schule gegangen am Kaiser-Heinrich-Gymnasium, verließ der heute 33-Jährige nach dem Abitur seine Heimatstadt.


Bodenständigkeit

Daniel Seniuk strahlt eine Bodenständigkeit aus, wie sie vielleicht nicht viele Kunstschaffenden aus der Schauspiel-Welt besitzen. Das mag zum einen daran liegen, dass er mit seiner Jugendliebe, einer Lehrerin für Physik und Mathematik, verheiratet und vor rund zwei Jahren Vater eines kleinen Jungen geworden ist. Zum anderen hat er ein jahrelanges Vagabundenleben, in dem er sich als freier Schauspieler von Bühne zu Bühne, Spielhaus zu Spielhaus und von einem Engagement zum nächsten hangelte, bereits hinter sich. Das war nach seinem Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, das er 2006 erfolgreich abschloss.
Dass es allerdings überhaupt so weit kommen und er mit der Schauspielerei seinen Lebensunterhalt bestreiten würde, war nach dem Abitur keineswegs klar. Sicherlich, Anzeichen dafür, dass sich eine solche berufliche Entwicklung anbahnen könnte, gab es schon damals: "Als ich 18 geworden bin, habe ich in einem Stück am E.T.A.-Hoffmann-Theater mitspielen dürfen", blickt Daniel Seniuk zurück. Dennoch, für ihn war es immer noch ein Hobby und das Mitwirken im Theater ein "Hineinschnuppern" in den Beruf des Schauspielers. Er tat sich schwer mit der Entscheidung über seine Zukunft. Sollte eben jenes Hobby sein alltäglicher Broterwerb werden? Zu diesem Zeitpunkt konnte er sich das nur schwer vorstellen, bedeutete es doch, die bis dato nur in seiner Freizeit praktizierte Schauspielerei auch an Tagen ausüben zu müssen, an denen er "keinen Bock" darauf hätte. Diese Befürchtung, seine Leidenschaft könne schwinden, der Reiz könne verloren gehen und die Schauspielerei würde alltäglich werden, erschwerte ihm die Entscheidung.
Aber Daniel Seniuk entschloss sich, das Risiko einzugehen, es zu tragen, es wenigstens zu versuchen. Also bewarb er sich an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Bereits das erste Vorsprechen war erfolgreich. Aber auch während des Studiums stellte er sich häufig die Frage, ob es der richtige Weg war, den er eingeschlagen hatte. Doch er blieb am Ball und spielte in den letzten beiden Studienjahren am Schauspielhaus in Hannover.


Dreieinhalbjährige Odyssee

2006, nach Abschluss des Studiums, merkte er jedoch schnell, dass es ihn wegzog: "Ich musste woanders hin, um nicht länger der Schauspielschüler zu sein." Er war 23 und für ihn war der Beruf auch nicht gemacht, um lange irgendwo zu bleiben. Nach einem kurzen Engagement in Mainz folgte eine dreieinhalbjährige Odyssee als freier Schauspieler durch zahlreiche Schauspielhäuser. Er lebte nun in Bochum und es lief, entgegen seiner ersten Befürchtung, er müsse als Allererstes im Arbeitsamt vorbeischauen, gut. "Es war nicht leicht, neben den Proben gleich die nächsten Engagements zu organisieren." In dieser Zeit, in der er viel unterwegs war und viel erlebte, konnte er eine Menge über sich und seinen Beruf lernen. "Ich hab herausgefunden, in welchem Umfeld ich arbeiten will, welche Form von Theater ich machen will", erzählt Daniel Seniuk.
Der Einstellung, die er mit 23 über seinen Beruf hatte, ist die Realität gewichen: Seit 2012 ist er - mehr oder weniger zufällig - wieder an einem Ort sesshaft geworden. In Erlangen wollte er eigentlich nur für ein Stück vorsprechen und hat dann doch direkt einen festen Platz im Ensemble bekommen. Seiter wohnt er wieder in Bamberg, seiner Heimatstadt, in der er fast zehn Jahre nicht mehr gewesen war. "Man kann sich die Stadt als Schauspieler eigentlich nicht aussuchen", erzählt Daniel Seniuk. Als er dann das Angebot bekam, am Neustart des E.T.A.-Hoffmann-Theaters mitwirken zu können, sagte er direkt zu.
Für ihn war dieser Neustart von Erlangen nach Bamberg der bisher entspannteste seiner Schauspieler-Vita: "Ich musste nicht mal ein neues Klingelschild anbringen", erzählt er lachend. "Es ist es pures Glück, das nicht viele Schauspieler haben können." Für Daniel Seniuk schließt sich mit seinem neuen alten Leben in Bamberg ein Kreis. Er steht in dem Theater auf der Bühne, in dem er das erste Mal Theater erlebte. Außerdem gibt er an seiner ehemaligen Schule Schauspielunterricht, betreut die Schauspieler-AG und begeistert so junge, interessierte Schüler für die Schauspielerei. Für ihn auch ein komisches Gefühl: "Es ist in einer gewissen Weise auch absurd, wieder an der Schule zu sein und einen Schlüssel für das Lehrerzimmer zu haben." So absurd es ihm manchmal vorkommen mag, der schwere Entschluss, Schauspieler zu werden, hat ihn dorthin gebracht, wo er heute ist - für ihn eine der besten Entscheidungen seines Lebens.