von unserer Mitarbeiterin Johanna Eckert

Ebern — Der Ingwer-Zitronen-Tee zieht in der Glaskanne so vor sich hin. "Schmeckt, oder? Der macht wenigstens richtig schön warm", sagt Noor und füllt die Teetassen auf. Sie steht kurz vom Stuhl auf, schaut aus dem Fenster. Das macht sie bereits eine gute halbe Stunde. "Ich muss sehen, ob die Lichter schon brennen", meint sie fast etwas hektisch. Seit knapp drei Monaten wohnt die Frau aus Syrien mit ihrem Mann und den zwei Töchtern Hala und Nagam in Ebern in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber und Flüchtlinge.
Noor hat beobachtet, wie der Hausverwalter eben einen Christbaum vor dem Haus aufgestellt hat. Am Sonntag ist sie auch über den Weihnachtsmarkt in Ebern geschlendert. Obwohl Weihnachten so überhaupt nicht ihr Fest ist. Ihre Religion ist der Islam, heute die zweitgrößte Weltreligion. Ihr Prophet heißt Mohamed, und seinen Geburtstag feiern Noor und alle anderen Muslimen im Januar. "Mawlid an-Nabi heißt unser Fest", erklärt ihr Mann Ziad.

Nicht unbekannt

"Aber Weihnachten ist uns nicht unbekannt. In Syrien leben ja auch Christen. Die feiern schon dieses Fest", sagt er und stöbert in den Bildern seines Handys herum. Auf dem Display ist ein verwundeter Mann zu sehen. Blutübergossen und der Körper in Decken gehüllt. "Aber jetzt", fährt Ziad fort und deutet auf das Bild, "ist in Syrien nichts mehr. Da wird niemand mehr Weihnachten feiern wie früher. Die Leute werden kein Restaurant finden, in dem sie eine Weihnachtsparty machen können."
Und wie ist das mit Geschenken? "Im Islam gibt es das nicht. Auch nicht am Geburtstag unseres Propheten. Aber die Christen schenken sich schon etwas", erzählt Ziad über die Sitten in seiner Heimat. Wenn er heute einen Wunschzettel für Weihnachten schreiben würde, dann würde er als erstes schreiben: "Ich will meine Mama und meinen Papa sehen."
Wie tausend andere seiner Landsleute hat er schon vor mehreren Jahren die Heimat verlassen. Hab und Gut hat er verloren. Seine Wohnung in Damaskus hat er jemandem anderem überlassen. "Was damit passiert ist, weiß ich nicht", sagt Ziad. Auch seine Frau Noor schreibt keinen Wunschzettel an das Christkind. Noch nie hat sie das gemacht. Aber Wünsche hat sie trotzdem: "Ein gutes Leben, Gesundheit, und", da stockt sie kurz, "Frieden. Ja, Frieden wünsche ich mir."
Noor läuft hastig zum Fenster. Der Baum vor der Unterkunft leuchtet immer noch nicht. "Ich dachte, am Weihnachtsmarkt in Ebern stehen mehr Bäume, die mit Lichtern geschmückt sind", sagt die 35-jährige Frau aus Syrien. Sie war begeistert von der großen Tanne, die einige Tage am Eingang zum Kasernengelände stand. "Unsere war das nicht. Aber ich weiß, dass sie abgesägt wurde", erklärt die Seniorchefin der Gaststätte "Alte Wache" auf Nachfrage. Viele der Bewohner der Unterkunft für Flüchtlinge und Asylbewerber waren fasziniert von diesem großen Lichterbaum. Der 24. Dezember wird für die meisten von ihnen ein ganz normaler Tag werden. Kaum einer wird Geschenke auspacken und die Weihnachtsente braten. Auch der 18-jährige Adnan aus Syrien nicht. Wie jeden Tag, wird er sicher an Heiligabend mit seinem Deutschbuch im Bett sitzen: "Ich hoffe, dass ich ganz schnell deutsch sprechen kann", ist sein größter Wunsch. Sonst noch was? "Vielleicht finde ich auch eine deutsche Frau zum Heiraten", lacht er. Und: "Ich will so bald wie möglich arbeiten", sagt der gelernte Konditor.

Weihnachtswunsch: Arbeit

Die meisten Wünsche der Asylbewerber können Christkind oder Weihnachtsmann weder im Internet bestellen, noch im Fachhandel erwerben. Im Gegensatz zu iPod, Playstation, Schminkpuppe und Brettspiel sind diese kaum mit Geld zu bezahlen. "Was ich mir am meisten wünsche, ist eine Arbeit für meinen Papa", sagt die siebenjährige Hala. Im Raum wird es still. Noor und Ziad bewohnen mit ihren Töchtern zwei Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft. Küche und Bad teilen sie sich mit 20 anderen Menschen aus der ganzen Welt. Für ihren Lebensunterhalt können sie kaum selbst sorgen. So schreibt es das Gesetz vor. Mittlerweile sind die Teetassen leer. Der Ingwer-Zitronen-Tee hat rote Bäckchen gezaubert. "Das zieht ganz schön durch die Fenster", stellt Ziad fest. Die Kälte kennen sie aus der Heimat. "In Damaskus schneit es ja jedes Jahr." Endlich leuchten die Lichter am Weihnachtsbaum in der alten Kaserne. Noor steht am Fenster und freut sich. Einer ihrer Wünsche ist in Erfüllung gegangen. Sie feiert mit ihrer Familie zwar kein Weihnachten, aber auf dem Wunschzettel steht einiges: Ein Leben in Syrien ist wegen des Krieges derzeit unmöglich. Aber vielleicht kommen bald die Papiere, und sie können aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen: "Etwas mehr von dem, was wir früher hatten. Nicht von jemanden abhängig zu sein, zum Beispiel", sagt Noor und richtet ihren Blick weit über das im Lichtermeer glänzende Ebern.